WELTLITERATUR FÜR KINDER

Die Räuber

nach Friedrich Schiller

Neu erzählt von Barbara Kindermann
Mit Bildern von Klaus Ensikat

Doch jetzt trat einer der Räuber grimmig hervor und schob sein Schwert zwischen die beiden. „Halt ein, Verräter! Wo sind deine Schwüre!“

Ein zweiter Räuber trat hinzu. „Denk an die böhmischen Wälder! Hubst du da nicht deine Hand zum eisernen Eid auf, schwurest, uns nie zu verlassen? Und willst uns jetzt im Stich lassen für ein Weib?“

Ein dritter Räuber fiel eifrig mit ein: „Pfui, über den Meineid! Ehrloser!“ Er riss sein Hemd auf. „Schau her: Kennst du diese Narben? Du bist unser! Mit unserem Herzblut haben wir für dich gekämpft!“

Jetzt wurden alle Räuber laut und riefen durcheinander: „Ha! Wo sind deine hochfliegenden Pläne? Sind es Seifenblasen gewesen, die beim Hauch eines Weibes zerplatzen?“

Karl ließ Amalias Hand los und sagte dumpf: „Es ist aus! Ich wollte umkehren, zu meinem Vater, meiner Amalia. Blöder Tor ich! Ein großer Sünder kann nimmermehr umkehren, das hätt ich längst wissen können.

Amalia umfasste seine Knie. „Halt, halt, erbarme dich!“

Doch Karl riss sich von ihr los und rief den Räubern mit bitterem Lachen zu: „Die Narben, die böhmischen Wälder! Jaja, das muss freilich bezahlt werden. So hört denn, was ich euch sage: Ich opfere meine Liebe zu Amalia und verlasse sie auf immer. Aber gleichzeitig höre ich ab sofort auf, euer Hauptmann zu sein. Mit Scham und Grauen lege ich hier mein Schwert nieder, unter dem wir uns berechtigt fühlten, finstere Taten zu begehen. Wir Narren!“ Verächtlich warf er den Räubern seine Waffen vor die Füße. „Ich war ein Tor! Ich wähnte, die Welt durch Gräuel zu verschönern, nannte es Rache und Recht – oh eitle Kinderei! Nein, ich kann mein Leben weder mit Amalia noch als Räuberhauptmann weiterleben. Es gibt nur einen Weg: Ich werde mich ergeben und mich selbst in die Hände der Obrigkeit ausliefern.“

Er wandte sich zum Gehen, doch plötzlich fiel ihm noch etwas ein: Waren nicht tausend Silberlinge Belohnung geboten für den, der den großen Räuberhauptmann Moor fange und lebendig abliefere? Und wohnte nicht in jener Köhlerhütte am Rande des Waldes ein armer Tagelöhner, der elf Kinder hatte und kein Geld?

„Dem Mann kann geholfen werden“, murmelte Karl vor sich hin, machte sich auf den Weg zur besagten Hütte und klopfte entschlossen an die Türe …

So trat der Räuberhauptmann Karl Moor ab und ließ alles hinter sich, nicht bezwungen, sondern aus freiem Entschluss, bereit, für seine Taten geradezustehen.

Anmerkungen

Johann Christoph Friedrich von Schiller (* 1759 in Marbach am Neckar, †1805 in Weimar) war einer der größten deutschen Dramatiker und Dichter. Die Räuber war das erste Drama, das der junge Dichter 1781 zunächst anonym veröffentlichte. Ursprünglich hatte er sein brisantes Theaterstück nicht für die Aufführung gedacht, da es an gesellschaftlichen Werten sowie der christlichen Religion rüttelte. Dementsprechend Aufsehen erregend und umstritten war die Uraufführung der extra umgeschriebenen und entschärften Fassung des Sturm-und-Drang-Dramas 1782 in Mannheim. Einerseits wurde Schiller schlagartig bekannt, andererseits ließ der Württembergische Herzog Karl Eugen daraufhin ein generelles Schreibverbot gegen ihn verhängen. Schiller floh nach Thüringen und es folgten entbehrungsreiche Jahre, gezeichnet von Armut, Schulden und Krankheit. 1800 übersiedelte Schiller endgültig nach Weimar, wo ihn u. a. die Freundschaft mit Goethe zu seinen größten Balladen und klassischen Meisterdramen inspirierte.

Die vorliegende Nacherzählung folgt der Reclam-Edition, Universal-Bibliothek Nr. 15, Stuttgart 2001. Sie erhebt keinen Anspruch auf einen lückenlosen Handlungsverlauf im Vergleich zum Original, hält sich aber im Wesentlichen an dessen inhaltlichen Kern. Sprache und Stil der klassischen Vorlage spiegeln sich noch unverkennbar im Text wider. Zahlreiche Originalzitate (kursiv gesetzt) tragen dazu bei, einen möglichst authentischen Eindruck von Schillers Werk zu vermitteln, wobei Zeichensetzung sowie Groß- und Kleinschreibung aus Gründen der besseren Verständlichkeit zum Teil angepasst wurden. Der Text folgt den Regeln der neuen Rechtschreibung.