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Titelseite

INHALT

21. Dezember / 20:25 Uhr
Gilbert, Arizona

21. Dezember / 22:05 Uhr
Gilbert, Arizona

22. Dezember / 7:55 Uhr
Gilbert, Arizona

23. Dezember / 5:52 Uhr
Sky Harbor Airport

23. Dezember / 10:00 Uhr
Gilbert, Arizona

23. Dezember / 12:27 Uhr
Hartsfield-Jackson
Atlanta International Airport

23. Dezember / 13:45 Uhr
Williams, Arizona

23. Dezember / 17:38 Uhr
Manhattan, New York
Upper West Side

23. Dezember / 15:00 Uhr
Williams, Arizona

23. Dezember / 19:45 Uhr
Brooklyn, New York
(angeblich)

23. Dezember / 17:30 Uhr
Williams, Arizona

24. Dezember / 11:30 Uhr
Manhattan, New York

23. Dezember / 19:30 Uhr
Williams, Arizona

24. Dezember / 17:58 Uhr
Manhattan, New York

24. Dezember / 17:22 Uhr
Williams, Arizona
Fünfzehn Kilometer davor

25. Dezember / 9:30 Uhr
Manhattan, New York

25. Dezember / 9:47 Uhr
Williams, Arizona

25. Dezember / 19:45 Uhr
Columbia University
John-Jay-Studentenwohnheim

25. Dezember / 15:45 Uhr
Williams, Arizona

25. Dezember / 20:55 Uhr
Columbia University
John-Jay-Studentenwohnheim

26. Dezember / 2:13 Uhr
Williams, Arizona

26. Dezember / 9:11 Uhr
Manhattan, New York
Upper West Side

26. Dezember / 10:19 Uhr
Williams, Arizona

26. Dezember / 14:42 Uhr
Manhattan, New York
Upper West Side

26. Dezember / 20:14 Uhr
Williams, Arizona

28. Dezember / 5:05 Uhr
Manhattan, New York

Epilog

Danksagung

 

Für meine Mom,

die mit mir in E-Mail für Dich ging, als ich neun war,

mich mit romantischen Komödien großgezogen hat

und alle meine Träume unterstützt.

Kapitel

21. Dezember / 20:25 Uhr

GILBERT, ARIZONA

Fitz Wilding ist ein Idiot und süchtig nach Liebe und ich lasse ihm beides durchgehen.

Aus dem Auto steigen? Oder sitzen bleiben?

Die vertraute Beschleunigung meines Herzschlags ist das erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.

Nein, falsch. Der Brief in meiner hinteren Hosentasche und dass ich den Drang hatte, ihn überhaupt zu schreiben, waren die ersten Anzeichen. Das Herzrasen ist ein unvermeidbarer Nebeneffekt davon, Fitz zu sehen. Und davon, dass mir eine schwere Entscheidung bevorsteht.

Der prasselnde Regen hat nachgelassen und ist zu einem feinen Nebel geworden, also stelle ich die Scheibenwischer ab. Die funkelnden Lichter der umliegenden Restaurants tauchen den nassen Gehweg in einen schummrig gelben Glanz. Die Scheinwerfer habe ich schon ausgeschaltet, als ich vor dreieinhalb Songs auf den Parkplatz gefahren bin, weil ich nicht wollte, dass er mich sieht. Ich will nicht, dass er mich sieht. Nicht, solange ich nicht entschieden habe, was ich mit dem Brief anfangen soll.

Aussteigen?

Sitzen bleiben?

Auf meinen Handflächen bildet sich kalter Schweiß, als mein Handy vibriert und eine Nachricht von Fitz ankündigt.

Komm in die Gänge, Collins. So kalt ist es nicht.

Schnell gefolgt von:

Ich sterbe hier.

Ich bin aufgeflogen. Der Anflug eines Lächelns zupft an meinen Mundwinkeln, während ich schnell eine Antwort tippe.

Tust du nicht.

Armer Fitz. Mein großer Melodramatiker.

Ich ziehe den Zündschlüssel ab und öffne die Tür in die kühle Dezemberluft. Eigentlich wäre es verlockend, mir deswegen Vorwürfe zu machen, vor allem nachdem ich den Abend damit verbracht habe, in meinem Zimmer den unsinnigsten Schlussmachbrief der Welt aufs Papier zu bringen. Aber die Wahrheit ist: Ich hatte gar keine Wahl. Er hat mich gebeten herzukommen, also bin ich losgefahren, keine Frage. Dafür sind beste Freunde da.

Ich ziehe mir die Ärmel meines Pullovers über die Hände und laufe langsam durch die festlich geschmückte Innenstadt von Gilbert. In den Schaufenstern hängen Lichterketten und die altmodischen Straßenlaternen präsentieren voller Stolz ein halbes Dutzend identischer Kränze. Jeder Ziegel und jedes Fenster verströmen Fröhlichkeit und Vorfreude, im krassen Gegensatz zu der matschigen Übelkeit, die in mir aufsteigt.

Obwohl ich extralangsam voranschleiche, bin ich im Nullkommanichts am Wasserturm. Unmöglich genug Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Vor der Leiter, die fünf Stockwerke in die Höhe führt, bleibe ich stehen.

Klettern oder nicht?

Noch so eine Entscheidung. Ich gehe die Checkliste meiner physischen Symptome durch. Gesteigerter Herzschlag? Ja. Schweißnasse Hände? Ja. Taubheitsgefühl? Noch nicht.

Womöglich entgehe ich der Panikattacke noch.

»Paige!« Ich höre das Lächeln in Fitz’ Stimme. In der Dunkelheit kann ich gerade so den Schirm seiner Baseballcap erkennen, der über die Plattform ragt, als er zu mir herunterschaut. »Sei vorsichtig. Die Leiter ist glitschig.«

»Wenn ich deinetwegen sterbe …«, murre ich, während ich den Fuß auf die unterste Sprosse setze und meinen Weg nach oben antrete.

»Dann serviere ich auf deiner Beerdigung Gummiwürmer.« Er wirft mir ein strahlendes Lächeln zu und mein Ärger verpufft. Oben angekommen hält Fitz mit einer Hand einen Schirm über meinen Kopf, während er mir mit der anderen von der nassen Leiter auf die Plattform hilft.

»Warte«, sagt er, bevor ich mich setze. Er streift seine Jacke ab und macht den Platz neben sich auf dem schmalen Aluminiumsims für mich trocken. Als er fertig ist, sitzen wir Seite an Seite da, lassen die Beine in die Nacht baumeln und lehnen uns mit dem Rücken an das kalte Silo.

»Da ich jetzt hier bin, lief der Abend wohl nicht so gut«, stelle ich fest.

»Nein, nicht so richtig«, gibt er mit finsterem Blick zu und klingt niedergeschlagen.

»Was war denn der ursprüngliche Plan?«

Ein Windstoß pfeift durch die Bäume in der Nähe. Ohne seine nun triefende Jacke bekommt Fitz an den Unterarmen eine Gänsehaut. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken.

»Es sollte romantisch werden«, jammert er und fährt sich mit den Händen übers Gesicht.

»Regen garantiert eigentlich Romantik«, sage ich nachsichtig. »Was ist passiert?«

»Ich habe ihr die Augen verbunden und gesagt, dass ich eine Überraschung für sie habe. Ich hatte das ganze Picknick hier oben vorbereitet.« Er deutet auf den nassen Korb neben sich, gefüllt mit durchtränkten Sandwiches und aufgeweichten Pommes. »Aber wie sich herausstellt, hat sie extreme Angst vor Höhen.«

Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Dauernd denkt Fitz sich diese aufwendigen romantischen Szenarien aus, doch genauso oft, wie er damit Erfolg hat, gehen sie nach hinten los. Fünfzig Prozent ist ein genialer Schlagdurchschnitt, aber in puncto große romantische Gesten weniger beeindruckend.

»Und das hast du nicht gewusst?«, frage ich. Ein Hauch von Rot stiehlt sich auf seine Wangen. »Kein Wunder, dass sie dich abserviert hat.« Er und Molly waren jetzt sieben Monate und zehn Tage zusammen, also eindeutig lange genug, um die schlimmsten Ängste seiner Freundin in Erfahrung zu bringen. Aber das sage ich natürlich nicht laut. Er soll ja nicht wissen, dass ich mitzähle.

»Was stimmt nicht mit mir? Warum passiert mir das immer wieder?« Sein Tonfall ist voller Selbstironie, doch der Riesenfunken Wahrheit, der in seinen Worten mitschwingt, lässt mir das Herz bluten.

Am liebsten würde ich ihn an den Schultern packen und sagen: Gar nichts. Du bist perfekt. Es sind nur immer die falschen Mädchen. Stattdessen behalte ich meine Hände bei mir und sage: »Vielleicht gibst du dir einfach zu viel Mühe.«

Er schnaubt durch die Nase. »Was soll denn das heißen? Sich zu viel Mühe geben? Wie kann man sich zu viel Mühe geben, wenn es um etwas oder jemanden geht, der einem echt wichtig ist?«

»Darfst du mich nicht fragen. Ich bemühe mich um gar nichts, was mir wichtig ist.« Das war zwar als Scherz gedacht, aber leider ist es zu wahr.

Vielleicht war es doch keine gute Idee, heute Abend herzukommen.

Im Durchschnitt trifft ein Mensch jeden einzelnen Tag fünfunddreißigtausend Entscheidungen. Seit ich das irgendwo gelesen habe, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf – denn diese Zahl? Die ist hoch. Überwältigend hoch. Lähmend hoch. Hoch genug, dass ich mich den ganzen Tag im Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen will. Ich habe außerdem gelesen, dass supererfolgreiche Leute wie Barack Obama und Mark Zuckerberg jeden Tag die gleichen Klamotten anziehen, um Entscheidungsermüdung vorzubeugen. Soll heißen, sie heben sich ihre Entschlussfähigkeit für wichtige Dinge auf.

Was entscheidungsmüde bedeutet, weiß ich genau. Es macht gewissermaßen meinen innersten Kern aus. Beispiel Schule: Ich konnte mich nicht entscheiden, welches Wahlfach ich dieses Jahr nehmen sollte. Theater? Töpfern? Amerikanische Zeichensprache? Was, wenn ich dazu berufen bin, eine berühmte Bildhauerin zu werden, aber mein Talent verschwende, weil ich stattdessen eine schlechte Performance von Shakespeare zum Besten gebe? Was aber, wenn ich Töpfern belege, was nur in der vierten Stunde angeboten wird, und als Einzige von all meinen Freunden in der anderen Mittagspausenschicht lande und das gesamte Schuljahr über allein auf dem Klo essen muss? Oder was, wenn im Flur, in dem der Sprachunterricht stattfindet, Kohlenmonoxid austritt und alle Teilnehmer des Amerikanische-Zeichensprache-Kurses in der ersten Stunde tot umfallen? Makaber. Aber nicht unmöglich.

»Ich dachte, sie wäre vielleicht die Richtige«, sagt Fitz leise, während er seinen Kopf auf meine Schulter sinken lässt.

Mein Herz hat einen Zusammenbruch. Nicht nur, weil er über ein anderes Mädchen spricht. Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Sondern weil er seinen Kopf auf meine Schulter legen kann, ohne dabei in Flammen aufzugehen. Ihm so nahe zu sein, lässt meine Hände zittern und mein Herz wie wild rasen. Im Gegensatz dazu ist seine Berührung gedankenlos und beiläufig. Wenn er heute Nacht die Daten auf seinem Fitnessarmband ausliest und nach Ausschlägen in seiner Herzfrequenz sucht, wird sich dieser Körperkontakt nicht mal bemerkbar machen.

»Die Richtige wofür?«, fahre ich ihn an. Die Energie, die es mich normalerweise kostet, nicht eifersüchtig oder verunsichert zu wirken, wenn er über andere Mädchen redet, könnte eine ganze Stadt versorgen, doch heute Abend, mit dem Brief in meiner Tasche, bröckelt meine Fassade. »Dachtest du, ihr würdet heiraten und umwerfende, süße kleine Babys kriegen?«

Fitz’ Vorbilder sind noch immer widerlich verliebte Eltern und drei Schwestern Mitte zwanzig und dreißig, die ihn alle mit einer regelmäßigen Dosis von Liebeskomödien aus den Neunzigern großgezogen haben. Kein Wunder, dass er von einer Romanze in die nächste stolpert und andauernd versucht, sich selbst mit der nächsten größten aller großen romantischen Gesten zu übertrumpfen. Bei jedem anderen, der nicht mit Fitz’ gutem Aussehen und beeindruckendem Baseballtalent gesegnet ist, würde diese Romantikbesessenheit reichlich Stoff für blöde Sprüche in der Umkleide bieten. Aber so war fast jeder, den ich kenne (Jungs eingeschlossen), irgendwann mal in Fitz verknallt.

Molly ist nicht die Erste, die er »die Richtige« nennt, und sie wird auch nicht die Letzte sein. Ich bin schrecklich eifersüchtig. Triefe praktisch vor giftgrünem Neid. Nicht nur wegen der anderen Mädchen (das natürlich auch), sondern weil er sich einfach vor nichts fürchtet. Das ist es, was ich am meisten an ihm liebe.

Und genauso leidenschaftlich hasse.

»Sie ist umwerfend, oder nicht?«, sagt Fitz sehnsüchtig.

Davon rede ich doch gar nicht. Ich erlaube mir, mit den Augen zu rollen, und bin dankbar, dass der dunkle Himmel es versteckt. »Was hat das Fass denn zum Überlaufen gebracht? Die Höhe, der Regen oder die unvorteilhafte Kombi aus beidem?«

»Ich will nicht drüber reden.« Er hebt den Kopf und hantiert mit dem Band seines Fitnesstrackers herum. Der Baseballcoach der Schule hat allen Spielern verordnet, einen zu tragen, selbst wenn gar nicht Saison ist.

»Seit wann?«, frage ich, verdattert darüber, dass er vom üblichen Skript abweicht. Denn eigentlich käme nun der Teil, bei dem er jedes Wort und jede brutale Nachricht mit mir teilt und in herzzerreißendem Detail beschreibt, wie ihr die Tränen über die Wangen rollten, während sie ihn angebrüllt oder geküsst oder sonst was gemacht hat, was man beim Beenden einer Beziehung eben so tut.

Fitz schaut mich unter seinen Wimpern hervor an – und mir stockt der Atem. Warum verschlägt es mir immer noch den Atem? Wie bei einem dieser Mädchen in seinen Filmen. Wann wird mein Hirn endlich akzeptieren, dass ich nicht die Heldin in Fitz’ Liebesgeschichte bin? Sein Gesichtsausdruck verändert sich von trübselig zu ernst, während er mich mit seinen blauen Augen fest ansieht. Selbst nach all der Zeit reicht ein einziger Blick von ihm aus, dass mir flau im Magen und mein Mund trocken wird. Plötzlich will ich den Brief in meiner Tasche verbrennen, in dem all die Gründe stehen, warum wir nicht länger befreundet sein können. Er ist chaotisch und verletzlich und quälend detailliert – unterm Strich steht da in etwa: Ich hasse, wie sehr ich ihn liebe. Zum ersten Mal an diesem Abend bin ich sicher, dass ich ihm den Brief nicht geben werde, weil ich nicht in einer Welt leben will, in der er mich nicht so ansieht.

»Soll ich dir was Cooles zeigen?«, fragt er und wendet sich seinem Handy zu. Seine schlechte Laune ist wie weggeblasen und die komische Spannung zwischen uns verschwindet. Er öffnet seine Wetter-App und tippt auf die Vorhersage für Williams, eine winzige Stadt in den Bergen, nahe der Nordgrenze Arizonas, wo Fitz’ Familie eine Hütte besitzt. Am ersten Weihnachtsfeiertag sind Schneeflocken zu sehen, was sich für den Rest der Woche durchzieht.

»Willst du mich fertigmachen?«, ächze ich neidisch. Weil ich in Gilbert geboren und aufgewachsen bin, ist Schnee für mich quasi nur ein Märchen. Nur so real wie die Geschichten, die Fitz mir darüber erzählt.

»Ich weiß, es ist noch ein paar Tage zu früh, aber fröhliche Weihnachten!«

»Wie bitte?«

»Das hier ist dein Geschenk.« Er zeigt auf den Bildschirm.

»Was meinst du?«

»Höchste Zeit, dass ich mein Versprechen einhalte.« Sein Blick sucht nach der Antwort auf eine Frage, die er gar nicht ausgesprochen hat. Ich werde zurückversetzt an einen Abend vor zwei Jahren. Mein Gesicht wird knallrot trotz der Kälte, die mir in die Wangen beißt. Ich frage mich, ob auch er daran denkt.

»Ist das dein Ernst?«

»Venedig ist es nicht, aber –«

»Wer braucht schon Venedig?« Ich umklammere mit beiden Händen das Geländer vor uns, damit ich ihm nicht um den Hals falle. Fitz zu umarmen, wäre ein klarer Regelverstoß.

Meine Regeln für Berührungen sind folgendermaßen: Es ist nur dann zulässig, wenn:

·es zufällig passiert (mit dem Knie gegen seins zu stoßen, wenn wir einen Film gucken)

·es eine Hilfe ist (ihm einen Käfer aus dem Haar zu streichen)

·es notwendig ist (gegen seine Schulter zu schlagen, wenn er nervt)

Vielleicht sollte ich eine neue Kategorie einführen, für spontane Berührungen, die sich nicht vermeiden lassen. Wie viele Ausnahmen wären wohl zu viele?

»Du«, sagt Fitz und lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf unser Gespräch. »Du brauchst Venedig und Florenz und Mailand und Rom. Und das ist nur ein Land.«

»Okay, okay, schon kapiert.« Ich lache, total aufgekratzt vom Gedanken daran, die Winterferien mit ihm und seiner Familie zu verbringen.

»So viele Orte kann ich dir nicht bieten, aber ich kann dir eine schneebedeckte Stadt am Rand des Grand Canyon zeigen. Bist du dabei?« Er reibt sich mit der Hand den Nacken, ein zu hundert Prozent verlässliches Zeichen dafür, dass er nervös ist. Als ob ich Nein sagen würde.

»Na klar! Ich erwarte gar nicht, dass du mir ganz Europa schenkst.« Wieder lache ich, denn wie lächerlich wäre es, seine Hütte zu verschmähen, nur weil sie sich nicht in den Schweizer Alpen befindet?

Fitz weiß besser als jeder andere, wie groß mein Fernweh ist. Wenn ich nachts im Bett liege, umgeben von den Bildern, die ich aus Reisemagazinen gerissen habe, stelle ich mir zukünftige Leben vor, als Aushilfe auf einer Ranch in Montana oder als Schafhirtin in Irland oder als Churrobäckerin in Spanien. Ich weiß nicht mal, ob ich Schafe oder Churros mag, aber nichts ruft eine Panikattacke schneller herbei als die Einsicht, dass ich von echt großem Glück reden kann, wenn auch nur eine dieser ausgemalten Zukunftsvisionen wahr würde.

Eine.

Die Aussicht, dass, durch eine Tür zu gehen, automatisch bedeutet, fünfzig oder hundert oder eine Million andere zuzuschlagen, lähmt mich.

»Wann brecht ihr auf?«, frage ich.

»Heute noch. Der Pick-up ist schon bepackt und startklar. Ich hol dich am zweiten Feiertag in aller Frühe ab. Dann sind wir dort, bevor es anfängt zu schneien.«

»Schnee!« Ich schüttle den Kopf, weil ich’s noch nicht glauben kann. »Brauche ich da was Spezielles zum Anziehen, damit ich nicht erfriere?«

»Meine Schwestern haben jede Menge, das du dir leihen kannst.«

»Wenn meine Mom Ja sagt – und du weißt, dass sie das tut –, sehe ich dich wohl in ein paar Tagen.« Ich stehe auf, unfähig, mein Grinsen abzustellen. Seit Ewigkeiten brenne ich darauf, Fitz’ Hütte zu sehen, und er hat mich für die Sommerferien auch schon mehrfach dorthin eingeladen, nur hat es bisher nie geklappt. Bisher.

»Was ist das?« Fitz zieht den Brief aus meiner Hosentasche und hebt eine Augenbraue, als er seinen Namen auf dem Umschlag sieht.

»Hey!« Ich will ihn mir schnappen und rutsche auf dem verdammten Aluminium aus. Meine Arme rudern in der Luft, meine Finger verlieren den Halt am Metallgeländer.

»Woah!« Er packt mich an der Taille und hält mich fest. »Alles okay?«

Ich nicke, zu zittrig und atemlos, um etwas sagen zu können.

»Heilige Scheiße! Ich dachte schon, du fällst runter.« Er neigt sein Handgelenk, sodass wir beide sehen können, wie schnell sein Herz schlägt.

»Ich auch.«

Langsam nimmt er eine Hand von meiner Taille und drückt behutsam zwei Finger gegen meinen Hals, um meinen Puls zu fühlen. Jetzt höre ich fast ganz auf zu atmen. Ein lässiges Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. »Mann. Du hattest echt Angst.«

»Mm-hm«, gebe ich ihm recht und denke insgeheim, dass seine warmen Finger auf meiner kalten Haut auf meinen Puls wohl größeren Einfluss haben als der Beinahesturz. Nun nimmt er auch die zweite Hand von meiner Taille.

Gemeinsam schauen wir über das Geländer, fünfzehn Meter hinab in die Tiefe.

Aus dem Auto steigen oder sitzen bleiben?

Klettern oder nicht klettern?

Es ihm sagen oder es ihm nicht sagen?

Das meine ich, wenn ich von Entscheidungen rede. In dieser Sekunde könnte ich platt auf dem nassen Asphalt liegen und man könnte unmöglich mit Gewissheit sagen, warum. Weil Molly mit Fitz Schluss gemacht hat? Weil ich hier rausgefahren bin, entweder um unsere Freundschaft zu beenden oder um ihn aufzuheitern? Weil ich auf den Turm gestiegen bin?

Wenn etwas Schlimmes passiert, will ich wissen, wem ich daran die Schuld geben kann. Ich hasse den sumpfigen Irrgarten aus endlosen Vorwürfen, den Unsicherheit mit sich bringt.

»Na dann.« Ich atme stockend ein und bereite mich seelisch auf den Abstieg und die nasse Leiter vor. »Wir sehen uns nach Weihnachten?«

»Es sei denn, du versetzt mich wieder«, sagt er leise. Überrascht sehe ich ihm in die Augen. Eigentlich reden wir nie über den einen Abend und ich weiß nicht genau, wie ich reagieren soll. »Vergiss es.« Er schüttelt den Kopf. »Wir sehen uns nach Weihnachten.«

Es tut mir leid. Ich hab’s vermasselt. Ich bereue es.

Das alles könnte ich sagen und auch so meinen. Doch ich kämpfe gerade mit Herzrasen, zitternden Händen und habe nur einen Bruchteil des Muts zur Verfügung, den ich bräuchte, um es auszusprechen.

Mit schwirrendem Kopf gehe ich denselben Weg zurück, den ich gekommen bin: die Leiter hinab, vorbei an der gemütlichen Weihnachtsbeleuchtung und in mein Auto. Die gesamte Heimfahrt über denke ich nach, über Entscheidungen, Schockstarre und Reue, sodass mir erst in der Einfahrt klar wird, dass die wahre Tragödie des heutigen Abends nicht darin besteht, beinahe vom Wasserturm gefallen zu sein.

Ich habe den Brief bei Fitz vergessen.

Kapitel

21. Dezember / 22:05 Uhr

GILBERT, ARIZONA

Ich bewerte mein Leben nach den Augenblicken, die es ruiniert haben:

Die Panikattacke vor meinen Mitschülern, als ich vierzehn war.

Das »Schneegestöber«, als ich fünfzehn war.

Der eine Abend, an dem ich Fitz versetzt und jede Chance zunichtegemacht habe, die wir hätten haben können.

Und heute. Der Tag, an dem ich die beste Beziehung meines Lebens mit einem Blatt Papier von einem Notizblock und einer vorschnellen Entscheidung, die sich nicht rückgängig machen lässt, zerstört habe.

Diese Momente habe ich katalogisiert, damit ich mich jederzeit leicht daran erinnern kann, und zwar mithilfe von SIG – kurz für »Sekretär in meinem Geist«. Er ist auf nerdige Art attraktiv, trägt eine tragisch uncoole runde Brille und macht aus meinem Leben einen lebendigen Albtraum mit seinen nie enden wollenden Listen über all die Möglichkeiten, auf denen es in einem gigantischen Scheiterhaufen in Flammen aufgehen könnte.

Das macht mich nicht irgendwie komisch. (Glaube ich zumindest.) Ich schätze, wir alle haben Stimmen im Kopf, die uns zuflüstern oder anbrüllen, uns sagen, was wir zu tun haben und warum. Nur ist es bei mir so, dass zufälligerweise immer die Stimme am lautesten ist, die mir permanent unter die Nase reibt, warum und wie genau mein Leben nur falsch laufen kann. Ich weiß, SIG bin eigentlich ich selbst, aber weil ich das zum Kotzen finde, habe ich diesem Teil von mir einen Namen gegeben.

In meinem Nacken klebt Schweiß, während ich panisch im Auto herumwühle. Ich sehe unter den Sitzen nach und krame in der Mittelkonsole in alten Tankquittungen und Haarspangen. Ein halbes Dutzend Mal checke ich meine Taschen, öffne zweimal das Handschuhfach und hebe sogar die Bodenmatten hoch. Doch es hat keinen Sinn, was mir eigentlich von Anfang an klar war. Ich habe den Brief bei Fitz auf dem Wasserturm gelassen.

Ich sehe das Ding vor mir, wie es auf der nassen Plattform liegt, mit Fitz’ Namen lieblos vorne draufgekritzelt, als wäre es mir im letzten Moment eingefallen, als fände man in dem Brief nicht Worte, die alles ändern werden. Worte wie Ich und liebe und dich. Ich war so abgelenkt von Fitz’ Hand auf meiner Taille, dass ich ihn vollkommen vergessen habe.

Ich drehe den Zündschlüssel, will zurück zum Wasserturm oder zu Fitz nach Hause oder zur Hütte oder zum Ende der Welt fahren, um ihn zurückzuholen. Meine Hände sind schweißnass und finden am Lenkrad keinen festen Griff, während mein Herz schmerzhaft in der Brust hämmert. Die Panik schwillt schnell an und wenn ich nicht sofort etwas unternehme, wird sie mich überwältigen.

Ich schicke Fitz eine Nachricht.

Hast du den Umschlag gefunden, den ich auf dem Wasserturm vergessen habe?

Ich warte eine Minute und mir geht’s gut. Ich warte zwei Minuten und verliere noch nicht die Nerven. Ich warte drei Minuten und alles ist zu spät.

Er hat den Brief geöffnet und wird nie wieder auch nur ein einziges Wort mit mir reden.

Der brutale Schmerz in meiner Brust ist schlimmer als Panik, geht tiefer als Reue. Er ist so heftig, dass mir die Worte fehlen.

Wahrscheinlich fährt er gerade nach Williams und denkt darüber nach, wie – oh! Er fährt nach Williams. In diesem Moment. Fitz schreibt grundsätzlich nie beim Fahren, deshalb antwortet er nicht. Vor Erleichterung werden mir die Knie schwach, während ich seine Nummer heraussuche und auf »Anrufen« drücke. Nachrichten beantwortet er am Steuer nicht, aber er hat kein Problem damit, Anrufe anzunehmen.

»Hey! Hast du das Okay deiner Mom, mit auf die Hütte zu kommen?« Seine Stimme klingt fröhlich – wie Honigbalsam breitet sich warme Erleichterung in mir aus.

»Noch nicht. Aber hör mal. Hast du zufällig den Brief gefunden, der mir auf dem Wasserturm runtergefallen ist?«

»Klar. Den hab ich.«

»Mach ihn nicht auf, okay?«

»Hab ich nicht. Aber warum?«

»Ist ein Teil von deinem Weihnachtsgeschenk.« Der Teil, in dem ich dir beichte, warum ich dich liebe und warum ich dich hasse, und dich bitte, mich für den Rest meines Lebens in Ruhe zu lassen.

Wenn er das liest … Als ich überlege, was das bedeuten würde, bekomme ich eine Gänsehaut, während SIG seinen Bleistift spitzt und eine neue Liste anlegt.

Was in meinem Leben alles schieflaufen wird, wenn Fitz den Brief liest:

·Meine Einladung auf die Hütte wird storniert.

·Ich verliere meinen besten Freund.

·Das Leben, wie ich es kenne, hat ein Ende.

Fitz räuspert sich. »Ich habe für dich ein ganzes Schneegestöber heraufbeschworen und du schenkst mir … einen Umschlag?«

»Ich weiß! Deshalb wollte ich ihn dir auch noch gar nicht geben. Er ist nicht … fertig. Ich brauche mehr Zeit.«

»Kann ich ihn an Weihnachten öffnen?«

»Nein. Warte, bis ich da bin. Bitte?«

Er lässt sich mit der Antwort länger Zeit, als mir lieb ist. »Ist alles okay?«

»Klar! Warum?« Meine Stimme ist total hoch und schrill. Diese Verräterin. »Versprich mir, dass du wartest.«

»Von mir aus, Collins. Wir sehen uns in ein paar Tagen.«

Wir legen auf und ich sacke erleichtert in mich zusammen. Krise abgewendet. Fürs Erste. Doch bis ich den Brief wieder in meinen Händen halte, werde ich Dauerbauchschmerzen haben. Nicht mal Weihnachten wird mich von dieser möglichen Katastrophe ablenken können. So ist das mit meinem Hirn. Es krallt sich die schlechten Sachen, gräbt die Fingernägel hinein und weigert sich, auch nur eine Sekunde lang loszulassen.

Vor lauter Nervosität und Selbstvorwürfen bin ich noch immer etwas zittrig, als ich durch die Haustür marschiere. Mom sitzt in dem kleinen Wohnzimmer im Schneidersitz auf der Couch und hält sich das Telefon ans Ohr. Sie winkt mir und hält sich dann einen Finger an die Lippen, während ihre Augen aufgeregt funkeln. Sie trägt noch den dunkelblauen Arbeitskittel von ihrer Schicht im Krankenhaus und die Haare in einem unordentlichen Knoten auf dem Kopf.

Ich nicke zur Begrüßung, wie sich das gehört, und ziehe mich in mein Zimmer zurück, wo ich ins Bett falle und mir ein Kissen aufs Gesicht drücke. Sobald ich sicher bin, dass ich nicht vor Peinlichkeit und Scham explodiere, lege ich das Kissen weg und schaue mich um.

Mein Zimmer ist ein Tribut an die Orte, an denen ich noch nie war, und die Dinge, die ich nie getan habe. Es ist ein Schrein an die Leben, von denen ich fürchte, sie nie führen zu können.

Die Westwand ist voller Fotos von Seattle und Chicago, New York, Boston und Atlanta. Vielleicht ist es ein Klischee, doch ich finde hohe Gebäude und helle Lichter genauso romantisch, wie Fitz … na ja … Romantik romantisch findet. Aber ich träume auch von Ranchs in Wyoming und Farmen in Nebraska und Bergen in Colorado. Und das sind nur die Vereinigten Staaten. Weiter drüben an der Wand trifft man auf eine Collage Westeuropas. Ein Bild nach dem anderen: Schlösser und Pflasterstraßen. Gondeln in den Kanälen von Venedig, das Kolosseum in Rom, Wasserfälle in Island. Jede Wand ist ein Teil der Welt. Japan, Thailand, die Philippinen. Argentinien, Brasilien, Peru. Mein Zimmer ist meine Welt, gleichzeitig aber auch die Welt.

Über meinem Bett hängt ein Bild von Aomori, Japan, das ich mir aus einem Artikel der Huff Post über die schneereichsten Orte der Welt ausgedruckt habe. Es ist ein Foto von einer Serpentine, die von Wänden aus blendend weißem Schnee umgeben ist – locker dreimal so hoch wie die Menschen der Reisegruppe, die davorsteht. In Williams wird natürlich nicht so viel Schnee liegen, trotzdem wird es für mich eine ganz neue Erfahrung sein. Ein Abenteuer in einem ansonsten langweiligen Leben. Vielleicht schreibe ich sogar darüber. Überlege mir, wie ich damit meine fiktive Karriere als Reiseschriftstellerin beginne. So wie ich es sehe, ist die Arbeit als Reiseschriftstellerin nämlich die einzige Möglichkeit, wie ich Geld dafür bekommen kann, all die Leben auszuprobieren, die ich mir so vorstelle.

Später, ich bin fast fertig mit Packen, klopft Mom leise an meine Tür und steckt den Kopf ins Zimmer. »Kann ich reinkommen?«

Zusätzlich zu ihrer Arbeit als Pflegekraft geht sie außerdem Vollzeit auf die Krankenpflegeschule, ein irrsinniges Pensum, das für andauernde Schatten unter ihren Augen und Dauererschöpfung sorgt, von der ich Angst habe, dass man sie nicht mehr kurieren kann. Doch heute wirkt sie fröhlich – was mit dem Semesterende zusammenhängen könnte.

»Wie lief es auf der Arbeit?«

»Viel los. Du weißt ja, wie die Leute um die Feiertage werden.« Sie kommt ins Zimmer und lehnt sich gegen die Wand.

»Betrunken, traurig und bescheuert?«

»Ganz genau. Das perfekte Rezept für Verletzungen und Unfälle. Außerdem geht dieses Jahr ein fieser Grippevirus um, daher war die Notaufnahme besonders voll. Aber nach meiner Schicht morgen habe ich eine gute Woche frei und mir steht der Sinn nach Feiern. Also …« Sie macht eine dramatische Pause und strahlt übers ganze Gesicht. »Willst du dein Geschenk?«

»Was haben heute nur alle? Ist es dafür nicht noch ein bisschen früh?«

»Dieses Geschenk hat ein Verfallsdatum.« Ihr Blick fällt auf die offene Reisetasche auf meinem Bett und den Berg an Klamotten daneben. »Was machst du da eigentlich?«

»Oh.« Ich verstumme, weil ich auf einmal unsicher bin, wie ich die Sache angehen soll. Ich hatte angenommen, dass sie die ganze Woche arbeiten muss und es ihr egal wäre, wenn ich nach Weihnachten verschwinde. Abgesehen von unserem jährlichen Ausflug zum Lichterfest im Phoenix Zoo am vierundzwanzigsten haben wir keine richtigen Traditionen. Aber nun, da sie die Woche freihat, bin ich weniger zuversichtlich, dass sie mich gehen lässt. Silvester ist ohnehin der deprimierendste Tag im Kalender – sogar schlimmer als Valentinstag, den man als moralischer Klugscheißer immerhin als »erfunden« oder »Feiertag der Grußkartenhersteller« beleidigen kann. Wenn ich nicht da bin, was macht sie dann?

»Wo ist mein Geschenk?«, frage ich. Sie beißt an und holt einen Umschlag aus der Tasche, mit dem sie grinsend hin und her wedelt. Ich reiße den Umschlag auf und erwarte ein paar Zwanzig-Dollar-Scheine, daher bin ich völlig platt, als ich ein Flugticket nach New York vor mir habe.

Mein Herz hat beinahe einen Aussetzer. »Was? Wie? Wann? Wie?« Wir haben nie Geld übrig, am allerwenigsten an Weihnachten. Jedes Jahr kauft Mom einen echten Baum, weil ich den Geruch so liebe, und darunter liegen auch immer Geschenke, aber so was wie das hier habe ich noch nie bekommen. Das ist noch besser als in dem Jahr, als sie auf einem Garagenflohmarkt eine fast neue Küchenmaschine aufgetrieben hat.

»Ich habe auf der Arbeit bei einem Wettbewerb gewonnen: eine Woche Urlaub und zwei Flugtickets nach New York City über Weihnachten. Es will zwar keiner zugeben, aber ich glaube, sie haben mich absichtlich gewinnen lassen. Die Schwestern wissen, wie sehr ich es mir für dich gewünscht habe.« Sie legt die Hände vorm Mund aneinander und wartet meine Reaktion ab.

»Wann geht’s los?«

»Übermorgen.«

New York. Meine Augen wandern zur hellsten, funkelndsten Stadt an meiner Wand. »Und wo übernachten wir?«

Mom lächelt wieder, doch ich merke ihr an, dass sie ein klein wenig zögert. War ja klar. Jetzt kommt der Teil, bei dem sie mir verklickert, dass wir uns außer einer Zelle auf der Gefängnisinsel Rikers Island nichts leisten können.

»Erinnerst du dich an meinen alten Freund Tyson?«

»Nö?«

»Aber sicher doch.« Sie räumt sich auf meiner Bettkante ein Fleckchen frei, um sich hinzusetzen. »Er war mit seiner Familie in den Frühlingsferien mal bei uns zu Besuch. Wir haben uns ein Baseballspiel der Diamondbacks angesehen, weißt du noch?«

»So in etwa. Seine Frau hat sich ständig über die Sonne beschwert? Und ihr Kind hat das ganze Popcorn in sich reingestopft, das eigentlich für alle gedacht war?«

Sie nickt. »Tyson und Jenna haben sich letztes Jahr scheiden lassen. Sie ist aus der Stadt gezogen, aber Tyson und ›das Kind‹ – das inzwischen übrigens an der Columbia studiert – haben ein Apartment in Manhattan. Bei ihnen können wir übernachten.«

»Wird das nicht irgendwie komisch?« Auf einer fremden Couch zu schlafen, hat mit meinem Traumausflug nach New York reichlich wenig zu tun. Ich brauche kein Fünfsternehotel. Absolut nicht. Aber ich will auch nicht mit fremden Leuten weihnachtswichteln. Hier, eine Kerze aus dem Souvenirladen am Flughafen. Hoffe, die gefällt dir!

»Nein! Bestimmt nicht, versprochen. Tyson freut sich. Ehrlich gesagt, wollte ich ihn schon lange mal besuchen. Vor Kurzem ist bei ihm Multiple Sklerose festgestellt worden und wir wären für ihn und Harrison eine super Ablenkung.«

»Harrison?«

»Der Popcorndieb.«

»Ich weiß nicht …« Ich zögere, während meine Augen die Wände absuchen. Dieser Ausflug hat definitiv Potenzial, ein totales Desaster zu werden. Egal, was Mom sagt, Weihnachten mit Fremden zu verbringen, kann unmöglich nicht komisch werden. Andererseits habe ich vielleicht nie genug Geld, irgendeine der Städte an meiner Wand zu besuchen, einschließlich New York.

»Jetzt ändere bloß nicht deine Meinung! Du hast doch eh schon so gut wie gepackt. Woher wusstest du es überhaupt?«

»Hm? Was?« Ich kehre zurück aus meinen Tagträumen über Kutschfahrten im verschneiten Central Park. Mom deutet auf den Haufen Klamotten neben uns.

Fitz.

Fitz und die Hütte.

Fitz und die Hütte und der Brief.

Oh nein. »Fitz hat mich über die Ferien auf seine Hütte eingeladen.«

Moms Gesichtsausdruck wird weicher und ich sehe ihr an, dass es bei ihr dämmert. »Du willst hin.«

»Nein! Ich meine, ich wollte schon, aber hier geht es um New York.« Ich wedle mit dem Ticket hin und her. »Ich kann nicht … Ich meine, sind die Tickets denn übertragbar?«

Sie schüttelt den Kopf. War ja klar. Ich bekomme nie irgendwas Gutes, ohne dass es einen Haken hat.

»Ich spreche das Thema Fitz nicht oft an.« Man merkt ihr an, dass sie ihre Worte vorsichtig auswählt.

Mein Gesicht geht in Flammen auf.

Bitte sag’s nicht.

»Aber es ist mehr als offensichtlich, dass du in ihn verliebt bist.«

»Stimmt nicht!«

Sie hebt die Augenbrauen und ich bringe es nicht über mich, es abzustreiten.

»Er ist dir wichtig und ich verstehe, warum. Er ist charmant und sieht gut aus und ist rücksichtsvoll –«

»Mom.«

»Außerdem ist er melodramatisch und steht auf große Gesten, aber man kann sich nun mal nicht aussuchen, wen man liebt. Wenn du Weihnachten mit ihm verbringen willst, werde ich dich nicht davon abhalten. Ich werde dich vermissen, aber immerhin habe ich New York, um mich aufzuheitern.«

»Nein, Weihnachten nicht. Die Einladung gilt ab dem zweiten Feiertag.«

Sie schürzt die Lippen und lässt sich die Sache durch den Kopf gehen. »Bestimmt könntest du bis dahin bei deinem Dad bleiben.«

Ich sage es echt nicht gern, aber Weihnachten mit meinem Dad ist ein weiteres Pro-Argument für New York. Ich weiß, er hat mich lieb, doch er ist ein bisschen neurotisch und in seiner Gegenwart bin ich noch angespannter als sonst. Mom ist von Natur aus viel relaxter und ausgeglichener und das brauche ich, wenn es darum geht, SIG unter Kontrolle zu halten.

Die ersten Jahre nach der Scheidung wurde ich in den Ferien immer hin- und hergereicht. Doch nachdem Dad wieder geheiratet hatte, hat er mich Weihnachten entweder nicht mehr zu sich eingeladen oder Mom hat aufgehört, es ihm anzubieten. Was das betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Fest steht nur, dass der Gedanke daran, Mom Weihnachten allein feiern zu lassen, einfach zu traurig ist.

»Ich weiß nicht.« Ich bohre an einem Loch im Knie meiner Jeans herum. »New York zu sehen, war immer mein Traum. Jedenfalls einer von vielen.« Selbst wenn das hier nur die Lightversion wird.

Und was wird aus dem Brief?, will SIG wissen. Blöder SIG.

Williams mit Fitz.

Oder Weihnachten in New York.

»Sag mir, was ich machen soll.«

»Diesmal nicht, Süße. Du bist schlau und schön und vernünftig und –«

»Mom!« Unter dem Gewicht ihrer Komplimentlawine breche ich zusammen.

»Du schaffst das.« Sie küsst mich auf den Kopf und steht auf.

»Und was, wenn nicht?«

Nachdenklich schaut sie mich an. »Ich weiß, Entscheidungen fallen dir schwer, und ich habe noch immer die Nummer von dieser Therapeutin –«

»Schon okay. Ich krieg das allein hin.«

Stirnrunzelnd drückt sie meine Hand. »Sag Bescheid, falls du es dir anders überlegst.«

Werde ich nicht, aber ich nicke trotzdem. Eine Therapeutin? Wegen so was? Das wäre für alle Beteiligten reine Zeitverschwendung, vor allem eine Verschwendung von Moms Geld.

Verzweiflung kriecht in meine Brust, flutet meine Lunge. Es ist zu viel. Ich kann mich nicht entscheiden. Wenn ich mit Mom mitkomme, darf ich endlich reisen, aber dann bleibt der Brief bei Fitz. Und mal ehrlich? Ich weiß nicht mal, ob ich in New York überhaupt Spaß hätte, solange ich daran denken muss, dass Fitz den Brief hat, der unsere Freundschaft phänomenal in die Brüche gehen lassen könnte.

Wäre Fitz hier, könnten wir eins seiner Spiele spielen, eins von denen, die er immer parat hat, wenn ich die Kontrolle zu verlieren drohe. Nur ist er nicht hier und ich muss eine Entscheidung treffen. Ich stelle meinen Wecker relativ früh und schicke Clover eine Nachricht, dass sie mich am Morgen abholen soll. Ich muss den Kopf freikriegen und dafür brauche ich Hefe. Und da ich kein Auto habe, muss ich wohl oder übel mit Clover zum Ziegenyoga.

Kapitel

22. Dezember / 7:55 Uhr

GILBERT, ARIZONA

Eine schwere Entscheidung zu fällen, fühlt sich so an:

·Herzrasen

·kalter Schweiß

·taube Lippen

·Kribbeln in den Fingern

·Übelkeit

·Schwächeanfall

·Schwindelgefühl

Mit anderen Worten: Panik. Eine Entscheidung treffen zu müssen, fühlt sich an wie eine Panikattacke.

(Einmal habe ich Fitz gefragt, ob diese krasse Reaktion normal ist. Er hat nicht geantwortet, weshalb ich vermute, die Antwort lautet nein.)

Seit letztem Abend habe ich Schweißausbrüche, Magenkrämpfe und Übelkeitsattacken und genau deshalb lautet meine Mission: Hefe finden. Was ich jetzt brauche, ist Hilfe, und backen hilft mir immer.

»Kommen die Ziegen mit diesem Wetter klar?« Ich lege die Hände um meine heiße Schokolade und schlürfe daran, während ich erneut an der kaputten Heizung in Clovers altem Prius herumhantiere, für den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Drücken und Schieben dieses Mal etwas bringen könnte. (Spoileralarm: Nö.)

»Es sind doch nur dreizehn Grad«, sagt Clover.

»Nur? Dreizehn Grad sind praktisch arktische Kälte.«

»Egal, wo du an Weihnachten landest, dort wird es wesentlich kälter sein.«

Ich stöhne. »Was würdest du an meiner Stelle machen?«

Clover schaltet den Motor ab und zieht sich eine pinkfarbene Mütze mit einem wuscheligen Bommel über die eisblonden Locken. Wir beide haben Yogakleidung an, denn wie vorhergesehen war ihre Bedingung dafür, dass sie mich zum Laden fährt, die, dass ich mit ihr zum Ziegenyoga gehe. Der Unterricht wird von ihrer Jugendgruppe veranstaltet und von ihrem Freund Jay geleitet. Es kommt nicht oft vor, dass ich Clover zu ihren Jugendgruppenevents begleite, aber als sie zum ersten Mal vom Ziegenyoga erzählt hat, klang das zu abgefahren und bescheuert, um es sich entgehen zu lassen. Außerdem war sie nervös, hat sie mir vor unserer ersten Stunde gebeichtet, weil sie Angst hatte, dass sie für Yoga nicht die »richtige Figur« haben könnte. Natürlich hat sie diese Angst in ungefähr null Komma zwei Sekunden überwunden und bewiesen, dass kurvige Mädchen tun können, was immer sie wollen.

»Du weißt, was ich machen würde.«

»Du würdest dich für den Typen entscheiden.«

Sie grinst. »Ich entscheide mich immer für den Typen.«

»Was würde deine Mutter nur sagen, wenn sie dich hören könnte?«

Clover rollt mit den Augen. »Meine Mutter hat sich auch für den Typen entschieden, damals. Und sie entscheidet sich noch immer für ihn, ›jeden Tag aufs Neue‹, wie sie mir so gerne erzählt.«

»Weiß sie schon von deinen Plänen für Heiligabend?«, frage ich sie.

»Pah. Nein. Das schiebe ich so lange vor mir her, wie es geht. Besser um Vergebung bitten als um Erlaubnis, stimmt’s?«

»Bringen sie euch so was in der Kirche bei?«, ziehe ich sie auf, während wir aus dem Auto steigen und über den überfüllten Parkplatz laufen. Drei Tage vor Weihnachten hat natürlich alle Welt auf den letzten Drücker noch irgendetwas zu erledigen. »Das gibt’s auch nur bei euch, dass man lügen muss, weil man Weihnachten im Frauenhaus Abendessen serviert.«

»Es geht nicht um das Servieren oder das Frauenhaus. Meine Mom hat da während ihres Wahlkampfs selbst ein halbes Dutzend Mal ausgeholfen – und ein halbes Dutzend Mal mehr, seit man sie ins Repräsentantenhaus gewählt hat.«

Clovers Mom ist die zweite Abgeordnete für Arizonas zwölften Wahldistrikt und ich erinnere mich noch gut an die Wahlkampfbilder von Clover, ihren »glücklich unverheirateten« Eltern und ihrem Bruder Heath in Schürze und Haarnetz, als sie Suppe an Frauen und Kinder verteilten, die vor häuslicher Gewalt ins Frauenhaus geflüchtet waren. Bethany James ist ein absoluter Gutmensch, dennoch findet sie Clovers Lebensstil nicht gut.

»Wäre Jay nicht dabei –«

»Wäre Jay nicht dabei, würde sie sich trotzdem komisch aufführen. Auf die Kirche reagiert sie allergisch. Aber was ihr wirklich Angst macht, ist die ernste Beziehung«, sagt sie.

»Tut mir leid, Clove. Sie gewöhnt sich schon noch daran«, will ich sie trösten, obwohl ich daran denken muss, was sie für eine Grimasse gezogen hat, als ihre Tochter sich vergangenen Sommer hat taufen lassen.

»Das rede ich Jay auch immer wieder ein – und mir selbst, schon seit neun Monaten. Dabei könnte ich schwören, dass es schlimmer geworden ist. Wenn sie nicht aufpasst, hat sie es sich mit uns beiden bald für immer verscherzt.«

Die Glastüren gleiten beiseite und warme Luft bläst uns entgegen. Neben der Tür türmt sich ein Stapel Kiefernzapfen, die nach Zimt duften und ein warmes, würziges Aroma verströmen.

Ich runzle die Stirn, als ich mir einen Einkaufskorb schnappe, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Klar, sogar für mich war es schräg, als ich Clover das erste Mal dabei gesehen habe, wie sie Flyer für ihre christliche Jugendgruppe verteilt hat, aber in die Kirche zu gehen, macht sie glücklich. Mit Jay zusammen zu sein, macht sie glücklich. Nur manchmal, wenn sie Anspielungen auf eine gemeinsame Zukunft mit Jay macht, fängt meine Haut an zu jucken. So jung schon so eine Verpflichtung einzugehen …

»Jetzt hast du dich aber genug mit meinen Problemen abgelenkt. Hast du schon eine Pro-und-Kontra-Liste erstellt?«

»Musst du überhaupt fragen?« Pro-und-Kontra-Listen sind reiner Betrug. Der Vorteil der einen Sache ist automatisch der Nachteil der anderen, sodass am Ende keine Seite gewinnt.

»Sag’s mir trotzdem.«

Auf dem Weg zur Abteilung mit den Backwaren laufen wir an einem Regal mit Zuckerstangen und Geschenkpapier vorbei, wo wir einem mürrischen Angestellten mit Wischmopp und Eimer ausweichen müssen. »Wenn ich mit Fitz auf die Hütte fahre, kann ich den schrecklichen Brief vernichten, bevor er ihn lesen kann. Wenn ich nach New York fliege, dann – na ja, das versteht sich von selbst. Ich wäre in New York. Aber wie kann ich New York genießen, wenn ich mir ständig Sorgen wegen des Briefs mache?«

»Hm.« Sie nimmt eine Packung Hefe aus dem Regal und wirft sie in meinen Korb.

»Was?«

»Wenn du nicht willst, dass Fitz den Brief liest, warum hast du ihn überhaupt geschrieben?«

»Na weil …«, schnaube ich. Sie verschränkt die Arme und wartet. »Weil ich wusste, dass er was Romantisches mit Molly plant, und ich traurig und eifersüchtig war und das Gefühl hatte, explodieren zu müssen, wenn unsere Freundschaft auch nur noch einen Tag so weitergeht. Ich hatte die Schnauze voll davon, immer nur sein Trostpflaster zu sein, das Mädchen, das er anruft, wenn seine Beziehung den Bach runtergeht.«

»Und was hat deine Meinung geändert?«

»Ich habe ihn gesehen.« Ich denke an sein feuchtes Haar im Regen, wie er mir aufmerksam den Schirm über den Kopf gehalten hat, an seine kräftigen Hände, als er mich festgehalten hat, damit ich nicht falle.

»Das reicht, dass du in die Knie gehst? Ihn zu sehen

Ich zucke mit den Schultern. »Das reicht immer.«

Ich lege die letzten paar Zutaten in meinen Korb und wir verlassen den Gang.

»Mom hat mich gebeten, ihr Geschenkpapier und Tesafilm mitzubringen, dann können wir gehen«, sagt Clover. Wir schlängeln uns durch eine Reihe von Hinweisschildern, die auf den feuchten Boden aufmerksam machen, und folgen der Explosion aus Rot und Grün zum Gang mit den Weihnachtsartikeln, wo ich beim Anblick einer vertrauten Brille und glänzend schwarzem Haar laut nach Luft schnappe. Ich packe Clover am Arm und ziehe sie in den Gang mit den Grußkarten.

»Was soll das?«

»Molly!«, flüstere ich.

»Was?«

»Molly steht bei den Weihnachtssachen.«

»Gibt’s doch nicht!« Clover linst um die Ecke und bekommt große Augen.

»Was macht sie?«, frage ich.

»Sie hält einen Teddy in der Hand. Meinst du, der ist für Fitz?«

»Sie hat ihn abserviert und damit jedes Recht darauf verspielt, Fitz was schenken zu dürfen.« Ich schiebe mich neben Clover und spähe um ein Randregal voller kleiner Weihnachtsmitbringsel. Molly Nguyen steht verlassen vor einem Regal mit kitschigen Teddys mit Weihnachtsmannmützen. Clover will in den Gang stürmen, aber ich halte sie zurück. »Warte, bis sie weg ist!«

»Wir kommen zu spät zum Yoga«, widerspricht Clover zu laut. Molly schaut auf und erwischt uns dabei, wie wir sie beobachten.

»Oh! Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich hier bekannte Gesichter sehe.« Molly deutet auf ihren unordentlichen Zopf und das schlabbrige Minnie-Maus-Sweatshirt, während wir verlegen den Gang betreten.

»Du siehst gut aus«, sagt Clover. Und sie hat recht. Es stimmt, dass Molly normalerweise ein bisschen mehr zurechtgemacht ist, trotzdem wirkt sie süß, auf ganz natürliche Art. Wäre ich ein besserer Mensch oder eine kultiviertere Feministin, wäre ich nicht eifersüchtig auf ihre makellose Schönheit oder die Tatsache, dass ihr Gesicht wie gemacht ist für dieses schicke schwarze Brillengestell. Aber ich bin nun mal kein besserer Mensch – und tierisch eifersüchtig.

»Weihnachtseinkäufe?« Ich zeige auf den Bären.

Sie wird rot. Wir verstehen uns ganz gut, aber Freunde sind wir nicht. Bevor sie anfing, mit Fitz auszugehen, hing sie eher mit den Leuten aus der Band und dem Orchester ab. Sie spielt Violine und war mir gegenüber immer schüchtern. »Ist eigentlich bescheuert, aber ich dachte … für Fitz …«

»Er hat gesagt, dass du mit ihm Schluss gemacht hast.«

Sie kaut auf ihrer Lippe und zuckt mit den Schultern. »Ist keine große Sache.«

Ich beiße die Zähne zusammen, damit ich nicht sie beiße. »Für dich vielleicht nicht, aber für ihn schon.«

Sie drückt den Teddy an sich. »Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass es ihm überhaupt was ausmacht. Du weißt ja, wie er ist.«

»Er ist der Beste.«

»Er war mit einer Menge Mädchen zusammen«, sagt sie, nicht unfreundlich.

Und okay, ich kann nicht behaupten, dass ich nicht schon selbst einmal – oder zweimal oder hundertmal – etwas ganz Ähnliches gedacht habe, wenn ich eifersüchtig oder verunsichert war. Doch als seine beste Freundin, die außerdem in ihn verliebt ist, darf ich so etwas denken. Als das Mädchen, das ihm das Herz gebrochen hat, darf sie es nicht.

»Ernst war es ihm nur mit wenigen. Und was spielt das überhaupt für eine Rolle? Wenigstens versucht er es.«

Molly zieht ein langes Gesicht. »Findest du, ich habe einen Fehler gemacht?«

»Ehrlich gesagt, ja. Fitz ist einer von den Guten.« Ich schnappe mir Klebeband aus dem Regal und will gehen, während Clover einige Rollen leuchtend goldenes Geschenkpapier in den Korb legt.

»Warte!«, ruft Molly. Ich bleibe wie angewurzelt stehen.

»Wir treffen uns vorne«, sagt Clover, nimmt unsere Einkäufe und geht vor.

Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie Molly sich mit dem Ärmel Tränen aus den Augen wischt. »Ich hab’s mit Fitz vermasselt.«

Innerlich stöhne ich, weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Molly war immer nett zu mir und ich hätte verständnisvoller reagieren können. »Tut mir leid. Es geht mich auch gar nichts an, was zwischen euch beiden vorgefallen ist.«

»Er hat es dir nicht erzählt?« Sie stellt den Bären zurück ins Regal.

»Na ja …« Ich zögere. Ist ihre Höhenangst ein Geheimnis? Vielleicht will sie nicht, dass die Leute davon wissen. »Viel hat er nicht gesagt«, antworte ich wahrheitsgemäß. Für gewöhnlich geht er weit mehr ins Detail, wenn wieder einmal eine seiner Beziehungen in die Brüche gegangen ist. Eifersucht und Enttäuschung machen sich in mir breit und verdängen einiges von dem Wohlwollen, das ich Molly eben noch entgegenbringen wollte. Warum hat er mir nicht mehr erzählt?

Sie schnieft, was mich irgendwie an Ivy und Ruby und all die anderen erinnert, mit denen Fitz im Lauf der Jahre zusammen war, mit denen er geflirtet oder denen er Liebesbriefe geschrieben hat. Wie Priya, das eins achtzig große Tenniswunderkind, mit der er in der Elften zum Schulball gegangen ist, oder Dani, das kleine Baseball-Ass, die mit uns zu Mittag gegessen hat, bevor sie nach Indiana umzog. Sie und Fitz waren nie zusammen, aber ich musste mit ansehen, wie er ihr in der Zehnten einen Monat lang schöne Augen gemacht hat. Als sie die Staatsgrenze überquerte, hatte er seinen Blick schon auf Luna geworfen, das kleine Ding mit den krausen Haaren, die im Spanischunterricht neben ihm saß.