Band 1: Verrat in London

Band 2: Der Schatz des Gehenkten

Band 3: Der Auftrag

Band 4: Voodoo

Impressum

Verlag Akademie-der-Abenteuer

Boris Pfeiffer, Pfalzburger Straße 10, 10719 Berlin

E-Mail: info@verlag-akademie-der-abenteuer.de

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet.

©Verlag Akademie-der-Abenteuer, Berlin 2021

1. Auflage

Umschlaggestaltung und Illustration: Kris Kersting

Satz: Kris Kersting

Herstellung: Verlag Akademie-der-Abenteuer

Druck und Bindung: BoD, Norderstedt

www.verlagakademie.de

ISBN (print): 978-3-98530-026-6

ISBN (ebook): 978-3-98530-027-3

Printed in Germany

Inhalt

Prolog

Whitechapel, Februar 1804

Über dem Eingang des Gasthauses hing ein verwittertes Holzschild, das ein Linienschiff zeigte. Die Fenster der Gastwirtschaft waren aus Flaschenböden, die man in kleine quadratische Rahmen eingefügt hatte, sodass man von außen nur Umrisse erkennen konnte, wenn man in den Gastraum hineinsehen wollte.

Drinnen empfing einen eine atemberaubende Wolke aus Tabakrauch, Ruß, Küchendünsten, der Geruch nach schalem Bier, saurem Wein, verschiedenen Schnapssorten, Schweiß und Dreck aller Art. Das Guardian war ein Lokal für Seeleute, Soldaten, Hafenarbeiter, Prostituierte und Gauner aller Art, eine Kaschemme der übelsten Art. Ein ehrbarer Kaufmann, gar Offiziere der Armee oder Flotte, würde sofort wieder kehrtgemacht haben, sobald er die Tür geöffnet hätte. Und das war so beabsichtigt, der Wirt dieses Lokals mochte weder Kaufleute noch Offiziere im Allgemeinen. Kahler Bill war ein ehemaliger Kanonier. Eines Tages war das Geschütz, das er bediente, neben ihm explodiert. Er hatte nie herausgefunden, ob es Materialermüdung war oder der Feind einen Volltreffer gelandet hatte. Die Explosion hatte ihn das rechte Auge und die rechte Hand gekostet – stattdessen trug er dort nun einen gefährlich aussehenden Stahlhaken, am rechten Bein trug er eine Prothese. Er war ein harter Mann und hatte sich ins Leben zurückgekämpft. Mit seinem ersparten Prisengeld hatte er das Guardian eröffnet. Sympathien empfand er nur für die Männer, die mit ihm Seite an Seite gekämpft hatten, das schloss die Offiziere ein. Und jene Männer, die dem gleichen Club wie er angehörten. Dem Club Bill. Der Club war nie sehr mitgliederreich gewesen, kaum mehr als zwanzig Männer am Anfang. Nun waren sie vielleicht noch zehn, und wie das Schicksal es gewollt hatte, waren sie alle in London gelandet.

An diesem Abend war es etwas ruhiger im Guardian, nur wenige Tische waren besetzt. Kahler Bill war das recht, denn an diesem Abend würde sich der Club treffen und sie würden Gäste haben, einige Männer aus einem anderen Club würden zu Besuch kommen. Man nannte diese Männer Thompson Raiders.

Trotz seines früheren Berufes konnte Kahler Bill noch gut hören, fast wie in seiner Jugend. Er hörte die Seitentür, sie quietschte etwas, und dann, wie die Tür zum Hinterzimmer ins Schloss fiel.

„Wir sind vollzählig, Jerome“, sagte er zu seinem Schankknecht, einem Mulatten.

„Wenn das Gesindel hier Stunk macht, wirf es einfach raus und macht dicht.“

„Aye, Bill.“

Jerome war einst der Pulverjunge von Kahler Bill gewesen und einfach bei ihm geblieben, als dieser aus dem Dienst geschieden war. Für einige Tage hatte die Royal Navy den Jungen als Deserteur geführt, bis ein anderer Bill das R für Run – Davongelaufen – in ein D für Discharged – Gestrichen/Ausgeschieden – geändert hatte.

Im Hinterzimmer hatte man einige Tische zusammengeschoben, sodass eine große Tafel entstanden war. Neben etliche Krügen Bier und einer großen Anzahl Rumflaschen standen dort auch mit Spiritus betriebene Rechauds. An die zwanzig Männer hatten sich im Raum verteilt, einige saßen schon und tranken, alle unterhielten sich. Viele von ihnen waren seit fast dreißig Jahren befreundet, andere waren später hinzugekommen. Manchmal brachen alte Streitigkeiten wieder aus und nach einigen scharfen Worten flogen die Fäuste, so war das bei jedem Treffen gewesen in den vergangenen zwanzig Jahren. Kahler Bill trat auf einen der beiden Offiziere zu, die an diesem Abend anwesend waren. Der Mann trug zivil, aber er strahlte Autorität aus. Bill streckte die linke Hand aus und der Mann ergriff sie mit rechts, denn seine linke Hand war nur noch eine knöcherne Klaue. Das linke Auge war mit einer Kappe abgedeckt, die linke Gesichtshälfte ebenso vernarbt wie die des ehemaligen Kanoniers. Sein linker Mundwinkel war leicht angehoben, es sah aus, als würde er spöttisch lächeln.

„Captain – äh – Verzeihung, Admiral. Ich freue mich, Sie zu sehen.“

„Ich freue mich, Sie zu sehen, Maat. –Wollen wir beginnen?“

„Aye, Sir. – Nehmen Sie bitte Platz.“

Der Admiral setzte sich an den vorgesehenen Platz, der zweite Offizier, einige Jahre jünger und ebenfalls in zivil, daneben. Kahler Bill blieb an der linken Seite des Admirals stehen. Er nahm eine große Rumflasche aus Ton, mit Henkel an der Seite, hoch. Mir der Spitze seines Hakens zog er den Korken und grinste.

„Manchmal, Sir, ist das Ding ganz praktisch. – Gentlemen, Männer der Sundowner und Guardian!“

Die Gespräche erstarben, alle Aufmerksamkeit richtete sich auf den Mann.

„Ich bitte zu Tisch. Es ist reichlich Essen und Trinken da. Doch bevor wir beginnen, möchte ich mein Glas erheben.“

Leises Gelächter beim Anblick der Rumflasche, die gut eine Gallone fasste.

„Ich erhebe mein Glas im Angedenken an unsere Freunde und Kameraden, die heute nicht bei uns sein können. Sie mögen in Frieden ruhen, wo auch immer ihr Grab sein mag. Guardian und Sundowner – aller Welt Feind – niemandes Freund! Sha! Sha!“

„Aller Welt Feind – niemandes Freund! Sha! Sha!“, gellte es aus rauen Kehlen.

Kahler Bill nahm einen langen Zug aus der Flasche und die übrigen Männer leerten ihre Becher.

„Und ich erhebe mein Glas auf alle, die nach uns kommen. Auf unsere Söhne, Töchter und Enkel. Sie mögen leben.“

„Sie mögen leben“, erwiderten die Männer und leerten noch einmal ihre Becher.

Kahler Bill setzte sich.

„Teufel auch, das ist guter Stoff.Wo hast du den her?“, stieß er hervor, rülpste leise. „’zeihung.“

„Ein Geschenk von Kate. Sie bedauert, dass sie nicht kommen kann.“

„Ja, das bedauern wir alle. – Verzeihung, Admiral. Ich muss noch etwas loswerden.“

„Tun Sie sich keinen Zwang an. Es ist Ihr Haus, Maat.“

Der ehemalige Kanonier erhob sich noch einmal.

„Ruhe an Deck! – Ich habe eben jemanden vergessen, der Teufel hole meine Seele.

Ich trinke auf Lady Katherine McLoed-Bannion, Lady Kali! Ohne sie wären die meisten von uns heute nicht hier. Alba gu bràth!“

„Alba gu bràth – Schottland für immer!“ erwiderten die Männer. Und einige, die Iren unter ihnen, fügten lautstark „Éirinn go Brách!“ hinzu.

„Jetzt dürfen Sie, Admiral, Sir.“

Kahler Bill setzte sich.

„Viel haben Sie mir nicht übrig gelassen, Maat.“

Der Admiral hob seinen Becher, einen silbernen Pokal, mit Rubinen und Smaragden besetzt. Sofort verstummten die Männer.

„Männer! Ich hatte die Ehre, mit euch zu dienen, an eurer Seite zu kämpfen. Erlaubt mir, dass ich einen Toast ausbringe. Auf den König! Tod unseren Feinden!“

„Auf den König! Tod unseren Feinden!“

Little Bill stimmte in den Ruf ein, genauso wie William Jones, Swift Bill und sein Vater Odd Bill, Joe Black, Herbert Baker, Alexander Askew, Corporal Wilson und ein schlanker Mann mit sandfarbenen Haaren und hellen Augen, dessen Alter man nur schwer schätzen konnte.

Es war lange nach Mitternacht, die meisten Männer waren betrunken und auf ihren Plätzen eingeschlafen. Little Bill war wach und nüchtern, genauso wie Sir Oliver und Alexander Askew, William Jones und William Kidd. Und der Mann mit dem sandfarbenen Haar.

„Henry“, sagte Little Bill. „Oder bevorzugst du dieser Tage Heinrich?“

„Henri würde passen“, grinste der Mann. „Geht es Jack gut?“

„Sie kaut noch etwas an den letzten Ereignissen. Aber sie ist wie ihre Mutter.“

„Ja, und die anderen geraten nach ihren Vätern“, grinste Sir Oliver. Er zog eine großformatige Silberflasche hervor. „Auch das ist von Lady Kate. Aus ihrer Destillerie in Schottland, irgendwo beim Glen Morangie. – Auf die DaRoKi!“

Sir Oliver nahm einen Schluck und gab die Flasche Little Bill.

„Auf die DaRoKi!“

Das Für und das Wider

Farnsworth Inn, Sonntagvormittag, Anfang Februar 1804 Josephine Farnsworth, genannt Jo, auch Big Jo, in den Straßen von London seit einiger Zeit bekannt als Eisauge, hatte ihren Stuhl gegen die Wand gekippt, die Rückenlehne in den eigens dafür angebrachten Ösen eingehakt, den Kopf auf das Kissen gelegt, das sie an den Balken der Dachkonstruktion genagelt hatte, und beobachtete ihre Freunde. Links von ihr, an der Längsseite des alten Esstisches, saß Alicia Baker, ihre beste Freundin, genannt Maus, und las. Sie hatte einen Stapel alter Zeitungen aufgetrieben und arbeitete sie systematisch durch. Da Maus alles las, was ihr in die Hände fiel, hatten ihre Freunde keine Fragen gestellt, nur Jo wusste, weshalb sie das tat. Links von Maus saß ihr Freund, Rufus Black, den sie auf der Straße Ungläubiger nannten, weil er nichts unbesehen glaubte. Rufus zeichnete gerade die beiden rothaarigen Brüder, die ihm gegenüber saßen. Jo gegenüber, an der Schmalseite, hatte sich wie üblich René Malvoisin niedergelassen. Ausnahmsweise beschäftigte er sich weder mit seiner Geige noch mit Poesie, er nähte ganz profan einen Riss in einer schon etwas abgetragenen blauen Jacke. Neben ihm hatte sich die Besitzerin der Jacke niedergelassen, Mara O’Malley. Sie kritzelte auf einer Schiefertafel zum wiederholten Mal an diesem Morgen das Alphabet. Der Junge links von ihr, Pádraig O’Hara, tat das Gleiche, während sein älterer Bruder Terrence bereits ganze Wörter auf die Schiefertafel malte.

Jo, Alicia, Rufus, René und Terrence bildeten zusammen die Darlington Road Kids, die DaRoKi, wie sie von den Straßenkindern genannt wurden. Mara und Pádraig, genannt Paddy oder auch Paddy-Boy, gehörten zu diesen Straßenkindern. Tatsächlich waren sie Anführer ihrer eigenen Gangs, der Pavee und der Wildgänse. Nach Aussagen von Terrence gab es etwa zwanzig dieser Gangs in London, einige hatten feste Reviere.

Ein friedliches Bild. Meine drei besten Freunde und drei, die es vielleicht noch werden. Na ja, ich bin mir ziemlich sicher bei Mara. Paddy? Der Kerl ist ständig unverschämt, ich weiß nicht, ob ich mir das auf Dauer bieten lassen will. Und sein großer Bruder? Auch frech, aber auf eine charmante Art, sodass man fast vergessen könnte, dass er dazu neigt, einem Dinge zu verschweigen. Zum Beispiel hat er es überhaupt nicht für nötig befunden zu erwähnen, dass der Gangführer, mit dem ich mich fast geprügelt habe, sein kleiner Bruder ist, oder dass er bis vor kurzem selbst der Anführer der Géanna Fiáine, der Wildgänse, war. Und seine Adoptivtochter Stella hat er ebenfalls unterschlagen. Himmel, er ist so alt wie ich, vierzehn, und hat eine Tochter. Zusammen mit Mara, die ist auch erst vierzehn. Und weil es Stella gibt, liest Alicia jetzt in alten, staubigen Zeitungen – um herauszufinden, wer dieses kleine, entzückende Mädchen mit dem Gedächtnisverlust wirklich ist. Irgendjemand muss sie doch vermissen. Ihre Adoptiveltern und deren Freunde, die anderen Gangführer und Mitglieder ihrer Gangs, werden wahrscheinlich von niemanden vermisst. Obwohl … ich würde Terrence, Terry, sicher vermissen, irgendwie habe ich mich an den Burschen in den letzten sechs Wochen gewöhnt. Rotfuchs, Sionnach, nennen sie ihn auf der Straße und respektieren ihn sehr, fast wie einen König, einen Righ. Das ist immer noch nicht ganz klar. Ist er der Righ der Gangs? Warum verschweigt er das dann immer noch? Oder liege ich falsch und es ist einer der anderen? Doyle, Cad, Cassidy, Butcher, Saunders, Ariel oder Mara? Vielleicht gar Doyles kleiner Bruder Toby? Nein, das ist ja Unsinn. Damals, in der Amber Lane im Schatten des Towers, hat ihm Doyle widersprochen und Terrence fragte ihn, wer Righ sei. Und Doyle gab nach. Wer ist Righ? Doyle nicht. Terrence oder jemand, dem er so nahesteht, dass er in dessen Namen Befehle geben kann. Die einzig logische Wahl ist im Grunde Mara, die man die Königin, Banríon, der Pavee nennt. Sie ist klug, schnell, notfalls grob, hat das, was man Charisma nennt, und selbst Terrence scheint vor ihr Respekt zu haben. Scheint –Terrence hat im Grunde vor niemandem Respekt. Nein, falsch. Vor meinem Vater, William Farnsworth, dem Wirt des Farnsworth Inn, hat er Respekt. Vielleicht sogar ein bisschen Angst. Ja, mein Vater kann einem Angst einjagen, wenn er es darauf anlegt.“

„Hast du schon mit deinen Freunden gesprochen?“, fragte sie. Terrence hob den Kopf, sah ihr direkt in die Augen. Seine Augen leuchteten hellgrün, wie Smaragde. Jo hatte in den letzten Wochen gelernt, seine Stimmung an der Färbung seiner Augen zu erkennen, ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail, das ihr half, ihn besser einzuschätzen. Hellgrün bedeutete, dass er ausgeglichen war, fast schon heiter.

„Ja, schon vor einigen Tagen. Sie beraten noch, ob sie sich mit dir treffen wollen.“

Jo verzog das Gesicht.

„Was gibt es da zu beraten?“

„Sie haben die Verantwortung für über zweihundert Jungen und Mädchen, die sie zu ihren Anführern gemacht haben. Und wenn sie mit euch sprechen, irgendwelche Vereinbarungen treffen, dann wagen sie sich ziemlich weit aus der Deckung“, erklärte Terrence.

„Die Verantwortung für zweihundert Diebe und Einbrecher“, stellte Alicia mit leicht sarkastischem Ton fest. „Ich weiß nicht, wo das Problem liegt. Und was für Vereinbarungen? Die sollen uns einfach in Ruhe lassen.“

„Das tun sie, Mäuschen“, sagte Mara. „Aber sie wollen auch in Ruhe gelassen werden.“

„Wie darf ich denn das verstehen? Mal abgesehen davon, dass so ein Treffen ein erhebliches Risiko für meinen Vater darstellt. Sollte Sir Reginald oder jemand anderes mitbekommen, dass ich mich mit gesuchten Kriminellen getroffen habe, fällt das auf ihn zurück – er könnte seine Arbeit verlieren.“

„Du musst dich nicht daran beteiligen“, bemerkte Paddy hart. „Meine Kameraden haben einfach Sorge, dass ihr unter dem Deckmantel der Schutzgarantie, die mein Bruder leichtsinnig ausgesprochen hat und die von Mara und Doyle ebenso leichtsinnig unterstützt wird, gegen sie arbeitet. Au – was hat dich denn gebissen?“

Paddy rieb sich die Schulter und starrte Mara wütend an.

„Ich bin nicht leichtsinnig“, herrschte sie ihn an.

„Dann eben genauso dämlich wie mein Bruder!“

Er stieß ihr seinen Zeigefinger in die Seite.

Eine wilde Kabbelei entstand. Rufus, René und Alicia starrten die beiden verwirrt an. Jo runzelte die Stirn.

„Benehmt euch“, fuhr Terrence seinen Bruder und seine Freundin an. „Wir sind nicht alleine. – Ein solches Treffen wird im Geheimen stattfinden, niemand wird etwas darüber sagen, niemand etwas davon erfahren und es wird keine Zeugen geben. Einfach um alle Beteiligten zu schützen. Die Anführer haben die Befürchtung, dass die DaRoKi Gangmitglieder an die Stadtwachen oder Runner ausliefern könnten, was die Gangs zu Gegenmaßnahmen zwingen würde. Und damit würden sie gegen mich, Mara und Doyle handeln. Das gäbe Krieg.“

„Gegenmaßnahmen? Krieg?“ Rufus sah Terrence nachdenklich an. „Wie sähen diese Gegenmaßnahmen aus?“

„Sie würden euch überwachen, versuchen, euch aus ihren Revieren zu vertreiben. Und sie könnten handgreiflich werden.“

„Das klingt nach einer handfesten Drohung. Und wieso Krieg?“

„O’Hara manus protegit Darlington Road“, wiederholte Terrence die Schutzgarantie, die er vor Wochen ausgesprochen hatte und die Mara und Doyle im Januar für ihre Gangs bekräftigt hatten. „Wer euch angreift, greift mich an.“

„Oder mich“, warf Mara ein. „Und das bedeutet Ärger.“

„Ihr würdet also in unserem Namen einen regelrechten Krieg gegen die anderen Gangs führen?“, fragte René verwundert. „Das will ich nicht. Das will keiner von uns.“

„Niemand will Krieg führen“, versicherte Terrence. „Das gibt nur Beulen, blaue Flecke, blutige Nasen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Daher wird verhandelt. Daher wird es Vereinbarungen geben.“

„Wie sähen denn diese Vereinbarungen aus?“, wollte Alicia wissen.

„Strikte Neutralität“, erklärte Jo leise. „Wir lassen die Gangs in Ruhe und die lassen uns in Ruhe.“

Alicia runzelte die Stirn.

„Du meinst … ich kann nicht einfach nichts unternehmen, wenn ich Zeugin eines Diebstahls werde. Das ist … ich lasse mich nicht erpressen.“

„Im Zweifel, Mäuschen, merkst du das nicht einmal, wenn jemand in deiner Nähe bestohlen wird“, sagte Paddy leise lächelnd. „Aber falls doch, wäre es gegenüber den Jungen und Mädchen, die sich auf diese Weise ihr tägliches Brot verdienen, einfach nur ein Akt christlicher Nächstenliebe.“

„Diebstahl ist unrecht! Nächstenliebe? Irgendwie hast du die Bibel falsch verstanden. Das siebte Gebot ist völlig eindeutig.

Du sollst nicht stehlen! Die Bibel ist die Grundlage unserer Gesetze.“

„Lukas 6“, antwortete Paddy ruhig. „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. – Unter dieser Prämisse solltest du das betrachten.“

„Pah“, machte Alicia. „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan… Matthäus 7, Vers 7. Es gibt Waisenhäuser – solche, die vom König unterhalten werden, genauso wie solche von der Stadt und den Kirchengemeinden, es gibt die Armenspeisung. Niemand muss stehlen oder in irgendwelchen Bruchbuden übernachten.“

„Das Haus in der Culver Street ist eine Bruchbude“, warf Rufus ein.

„Mrs. Arson ist nur zu stolz, Geld von der Stadt zu nehmen“, wiegelte Alicia ab.

„Viele der Leute, die für die Stadt oder die Gemeinden arbeiten, sind korrupt“, antwortete Paddy. „Sie kassieren Geld und behalten die Hälfte für sich. Außerdem vermieten sie die Kinder an irgendwelche Fabrikbesitzer und behalten den Lohn ein. Wer kann, meidet die Waisenhäuser. Und die Armenspeisung? Das ist ein Fraß, den die Royal Navy nicht mal ihren Matrosen zumutet.“

„Billige Ausreden. Außerdem glaube ich nicht, dass mir ein Diebstahl in meiner Nähe entgehen würde. Ich habe, dank euch, in den letzten Wochen eine Menge dazugelernt.“

„So, meinst du?“

Paddys Mundwinkel wanderten ein wenig nach oben, seine Zähne erschienen.

Jo blinzelte. Der jüngere O’Hara grinste auf die gleiche Weise wie sein Bruder und erinnerte wie dieser mit seinem länglichen, schmalen Gesicht und den roten Haaren fatal an einen Fuchs.

Paddy legte seine rechte Faust auf den Tisch, drehte sie herum und öffnete sie.

„Ich glaube, du würdest gar nichts merken.“

Die DaRoKi starrten verblüfft auf Paddys Handfläche. Dort lag eine Bootsmannspfeife, ein Geschenk von Lady Kate.

„Das ist doch deine, oder?“

„Das …“ Alicias Hand fuhr in die Innentasche ihres Rockes.

„Wie … auf der Treppe … du hast mich absichtlich angestoßen.“

„Der älteste Trick der Welt“, sagte Paddy. „Man rempelt sein Opfer an, lenkt es ab und greift zu.“

„Mistkerl, mir derartig an die Wäsche zu gehen.“

Rufus’ Hand schoss über den Tisch und wurde von Terrence gestoppt.

„Lass es, er ist zu schnell für dich, Rufus. – Schöne Demonstration, Brüderchen. Aber man langt seinen Freunden nicht in die Tasche, das gehört sich nicht. Gib her.“

Er nahm ihm die die Pfeife ab.

„Freunde? Ich weiß nicht“, murmelte Paddy. „Ich wollte dem Mäuschen nur etwas begreiflich machen. Euch allen.“

„Nenne mich nicht Mäuschen“, knurrte Alicia und nahm die Pfeife von Terrence entgegen. „Und wage es nicht, mir noch mal in die Taschen zu langen! Das überleben deine Finger nicht.“

„Beruhigt euch. Alle“, verlangte Jo. „Es bringt uns nicht weiter, Drohungen auszutauschen. Am Ende wird noch jemandem wehgetan. – Paddy hat da einen interessanten Punkt ins Spiel gebracht. Nächstenliebe. Und Alicia das siebte Gebot. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir das in Einklang bringen können.“

Terrence nickte langsam.

„Gut, werdet euch einig, erst dann macht ein Treffen mit den anderen Anführern auch Sinn. Solange gilt mein Schutzversprechen uneingeschränkt. Allerdings: Ihr solltet die Gangs nicht provozieren, indem ihr übereilt handelt.“

„Du meinst, wir sollen Raub und Diebstahl einfach ignorieren?“, vergewisserte sich René und biss den Faden ab.

„Wie mein Bruder eben demonstrierte, würdet ihr einen Diebstahl nicht bemerken. Bei Raub … das ist etwas anderes. Ihr könnt davon ausgehen, dass die Gangs niemanden ausrauben, also keine Gewalt ausüben, um an die Wertsachen von jemandem zu kommen.“

„Ausnahmslos?“, fragte Jo etwas erstaunt.

„Raub, Gewalt, gar Körperverletzung erregt nur die Aufmerksamkeit der Runner und Stadtwachen. Taschendiebstahl, Mundraub, Ladendiebstahl nicht so sehr.“

„Sollte nicht jeder Gesetzesbruch gleich behandelt werden? Je nach Schwere der Straftat?“

„In einer gerechten Welt wäre das so“, gab Terrence zu. „Aber leider ist die Welt nicht gerecht.“

Bis auf Jo und Terrence waren alle gegangen. Aus dem Schankraum klang das Spiel von zwei Geigen, vier Männerstimmen sangen eine Harmonie und dann kam eine Blechflöte hinzu. Jo hob die Brauen. Soweit sie wusste, spielte niemand im Haus Flöte.

„Mara“, lächelte Terrence und wischte seine Tafel sauber, streckte die Finger der rechten Hand. „Sie spielt ganz gut, nicht wahr?“

„Ja, scheint so. Ich bin ziemlich unmusikalisch“, gestand Jo. „Hattest du das mit deinem Bruder abgesprochen?“

„Was? Nein, er hat selbst mich überrascht. Vor allem, dass er sich auf die Bibel bezog, er ist eher ein Heide.“

„Du hast also nicht versucht, uns zu manipulieren?“

„Nein, sicher nicht. Das wäre auch nicht sehr nett, nicht wahr?“

„Manchmal … Alicia und René sind eindeutig dagegen, dass wir in die andere Richtung sehen. Rufus… Rufus ist Realist.“

„Und du? Wie entscheidest du dich?“, fragte Terrence mit ein wenig Spannung in der Stimme, ihr Gesicht aufmerksam betrachtend.

„Ich habe mich schon entschieden“, gab Jo zu. „Tatsächlich schon vor Wochen, ohne dass es mir bewusst war. In jener Nacht auf dem Strand, als ich sah, wie die Mäuse die Sporen stahlen. Allerdings ziehe ich bei Raub und Gewalt die Grenze.“

„Hm, du stehst einer Vereinbarung mit den Gangs nicht im Wege. Rufus auch nicht. Bleiben die beiden anderen. Lassen wir sie in Ruhe nachdenken.“

„Und wo stehst du?“

„Ich bin neutral.“

„Weshalb?“

„Weil ich auf beiden Seiten stehe. Ich kann nicht gegen meine alten Freunde vorgehen, aber ich bin auch euch gegenüber verpflichtet.“

„Weil du der Dau der DaRoKi bist?“

„Vordergründig, ja.“

„Und im Hintergrund?“

„Ich habe geschworen, euch zu schützen.“

„Weil du das Versprechen abgegeben hast? Das ist nicht bindend.“

„Für mich schon. Aber eigentlich in dem Augenblick, als dein Vater mich einstellte.“

„Da kanntest du uns aber noch nicht.“

„Dein Vater bezahlt mich. Er wünscht, dass ich dich beschütze. Das schließt dann natürlich die drei mit ein.“

Jo legte die Stirn in Falten.

Er hat gerade zugegeben, dass Dad ihn als meinen Leibwächter bezahlt. Eigentlich sollte ich jetzt aus der Haut fahren und ihn anschreien. Ich habe nur keine Lust, das zu tun. Außerdem verstehe ich, dass mein Vater sich sorgt und für meine Sicherheit sorgen will.

„Also bist du ein Söldner?“

„Bis zu einem gewissen Punkt“, lächelte Terrence sie an. „Darüber hinaus …“

„Und wo ist dieser Punkt genau?“

„Den habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht finde ich ihn nie. Allerdings … ich würde dich auch beschützen, wenn das nicht zu meinen Aufgaben gehören würde.“

Terrence stand langsam auf, zögerte einen Augenblick und ging schließlich.

Verdammt, ich wollte sie gerade küssen. Dieses Mädchen ist so verdammt klug. Und schön. Ich muss wirklich aufpassen, was ich tue. Da habe ich mich gerade obendrein auch noch verplappert. Sie hat es aber nicht gemerkt. Zum Glück.

Jo sah ihm nach.

Seltsam. Das klang fast … und sein Zögern eben. Ich hatte den Eindruck, dass er noch was sagen oder tun wollte. Ich weiß nicht, was ich tue, wenn er mir zu nahe kommt. Verdammt! Dumme Situation. Eines nach dem anderen. Erst mal die Sache mit den Gangs klären. Alicia dazu zu bekommen, nichts zu tun, wird harte Arbeit.

Die Zauberpuppe

„Du bist heute spät dran“, stellte Jo fest, als Rufus den Dachspeicher betrat. Rufus antwortete nicht, setzte sich auf seinen Platz.

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, wunderte sich René und begann seine Geige zu stimmen. Die anderen verzogen die Gesichter, das Saiteninstrument quietschte und jammerte.

„So muss sich eine Seele im Fegefeuer anhören“, befand Alicia.

„Dann möchte ich taub zur Hölle fahren“, alberte Jo.

„Erinnert mich an Tim O’Grady – nach einer Flasche Whiskey“, meinte Terrence.

„Banausen“, schimpfte René.

Rufus legte eine Stoffpuppe auf den Tisch. Sie war aus sehr dunklem Stoff angefertigt, hatte Arme und Beine, trug eine winzige Lederschürze, und schwarze Fäden bildeten täuschend echt das krause Haar eine Afrikaners nach. An den Hand-, Ellenbogen- und Kniegelenken waren kleine rote Flecken aufgenäht, ebenso auf der Brust.

„Nanu“, sagte Alicia und legte die Zeitung zur Seite. „Bastelst du jetzt Kinderspielzeug? Für Stella?“

Rufus schüttelte den Kopf.

„Das ist nicht für Stella. Das war für meinen Vater.“

„Ich glaube nicht, dass dein Vater mit Puppen spielt. Obwohl, die sieht ihm ziemlich ähnlich.“

Jo sah ihren Freund fragend an.

„Sie soll ihn darstellen“, erklärte Rufus. „Und ich habe sie nicht gemacht. Irgendjemand anderes. Das ist eine Drohung.“

„Eine Drohung?“, wunderte sich Alicia. „Das ist eine Puppe.“

„Das ist Voodoo“, sagte Rufus ernst. „Die Puppe symbolisiert das.“

Alicia legte die Stirn in Falten.

„Das Wort kommt mir bekannt vor.“

Eine der Saiten von Renés Geige sprang mit einem hellen Laut.

„Merde!“, schimpfte der Exil-Franzose. „Voodoo? Das ist doch so eine Art Religion, nicht wahr? Mein Vater erzählte mir davon.“

„Eine Art Religion? Ja, so kann man das sehen. Die Anhänger nehmen das aber sehr ernst“, erklärte Rufus. „Voodoo ist eine Religion, oder auch Kult, und stammt aus Afrika. Mit den Sklaven kam das nach Südamerika und in die Karibik. Soweit ich weiß, wird diese Religion vor allem auf Hispaniola – also Santo Domingo und Saint-Domingue – praktiziert. Aber es gibt sie wohl auch auf Jamaika und anderen Inseln. Im Lauf der Zeit wurden auch Teile der katholischen Religion hinzugefügt. Wie die christliche Lehre kennt Voodoo nur einen Gott, Bondieu genannt – das ist Französisch und bedeutet …“

„Guter Gott“, warf René ein. „Aber eigentlich ist das Ketzerei. Denn es gibt nur einen Gott, den der Bibel.“

Jo verzog das Gesicht. Sie hielt nicht viel von Religion, sie fand das Gedankenmodell absurd.

„Das sehen einige Leute anders, René. Die Muslime zum Beispiel, oder auch die Buddhisten und Hindus. Die Hindus glauben an viele Götter, genauso wie unsere Vorfahren.“

„Ja, ich weiß. Vielleicht wird sich das eines Tages ändern. Man muss es den Menschen nur erklären, dass sie falsche Götter anbeten.“

„Erklären kannst du den Leuten viel“, sagte Terrence. „Aber ob sie deinen Erklärungen Glauben schenken, ist eine andere Frage. – Die Afrikaner haben also ihre eigene Religion und den katholischen Glauben vermischt? Warum? Und wieso hat die Gegend zwei Namen? Spanisch und französisch?“

„Ich nehme an, das diente zur Tarnung, zur Verschleierung der Tatsache, dass sie ihre alte Religion immer noch ausübten und den Christianisierungsversuchen ihrer, äh, Besitzer widerstanden hatten“, meinte Rufus. „Aber das ist nur geraten. Auf jeden Fall hat irgendjemand heute morgen diese Puppe vor unserer Haustür abgelegt.“

„Die Insel heißt Hispaniola, eine der Großen Antillen, von Kolumbus 1492 gefunden. Bis vor etwa hundert Jahren gehörte die Insel komplett den Spaniern, allerdings hatten sich im westlichen Teil schon seit Jahrzehnten Franzosen niedergelassen. Und beim Frieden von Rijswijk im Jahr 1697 haben die Spanier dann diesen Teil an die Franzosen abgetreten, die ihn der Einfachheit halber Saint-Domingue genannt haben. Und die Spanier ihren Teil Santo Domingo. Beides bezieht sich auf den Gründer des Dominikaner-Ordens, Domingo de Guzmán Carcés“, warf Alicia ein.

„Und deinem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass du nicht begeistert bist“, stellte Jo etwas ironisch fest. „Warum?“

„ImVoodoo ist es so, dass sich der Gläubige nicht an Bondieu oder Bondye – das ist Kreolisch, eine Mischsprache aus Französisch und afrikanischen Dialekten mit etwas Englisch und Spanisch, wobei in den spanischen und englischen Kolonien jeweils diese Sprachen vorherrschend sind – direkt wendet. Es wird ein Vermittler benutzt, ein Geistwesen, das Loa genannt wird. Die Loa werden von den Priestern angerufen, Houngan genannt. Die weiblichen Priester nennt man Mambo. In der Hierarchie weiter unten rangieren ihre Assistenten. Dann gibt es noch eine Gruppe, die Bokor genannt wird, das sind Hexer oder Magier. Diese Leute sprechen Flüche aus. Schadenszauber. Das steht im krassen Gegensatz zum eigentlichen Kult, der dem Guten dienen soll. Gegen Bezahlung belegen die Bokor also Personen mit einem Fluch, einem Zauber. Und diese Puppen dienen ihnen dazu, diesen Zauber durchzuführen und wirklich werden zu lassen.“

„Wie soll das gehen?“, wunderte sich Terrence.

„Durch den Glauben“, grinste Rufus etwas schief. „Jemand geht zu einem Bokor und bittet ihn, einer bestimmten Person Schmerzen zuzufügen, zum Beispiel im Knie. Also bastelt der Bokor so eine Puppe, spricht seinen Fluch und sticht die Puppe mit einer Nadel ins Knie. Die Puppe wird dem Adressaten übergeben oder vor seiner Tür abgelegt. Wenn der Adressat an den Hokuspokus glaubt, bekommt er heftige Schmerzen im Knie.“

„Und wenn er nicht daran glaubt?“, fragte Jo amüsiert.

„Bekommt der Absender oder auch der Bokor, oder beide, von meinem Vater kräftig was auf die Nase“, erklärte Rufus ganz ernst. „Diese Puppe ist eine Drohung, dass jemand meinem Vater Schmerzen zufügen will. Wie ihr seht, fehlt die Nadel. Ich nehme an, morgen oder übermorgen wird noch eine Puppe auftauchen. Diesmal vielleicht mit einer Nadel darin.“

„Und wieso sollte dein Vater dem Bokor die Fresse polieren, wenn er daran nicht glaubt?“, wunderte sich Alicia. „Am einfachsten ist es doch, das zu ignorieren.“

„Wie lange kennst du jetzt meinen Vater?“

„Mein ganzes Leben lang. Und ich halte ihn eigentlich für einen friedfertigen und vernünftigen Menschen.“

„Das ist er auch, wenn auch zuweilen sehr sarkastisch. Und weil er das Ganze für Blödsinn hält, wird er wütend reagieren. Er hat mal vor vielen Jahren den Bordpfarrer seines ersten Schiffes fast über Bord geworfen, als der versuchte, ihn zu bekehren. Er meint nämlich, Glaube oder Unglaube sind seine Privatsache, und möchte daher nicht belästigt werden. Und diese Puppe wird er als Belästigung betrachten.“

„Also ist es besser, wenn dein Vater das Ding und eventuelle weitere nicht zu Gesicht bekommt?“

„Darauf kannst du deine Geige verwetten, René.“

„Was willst du also tun?“, wollte Alicia wissen. „Du kannst ja nicht jede Nacht Wache halten und diese Dinger entfernen, sobald sie auftauchen. Oder dem Boten selbst eins auf die Nase geben. Obwohl … Letzteres kannst du natürlich.“

„Es nützt aber nichts, dem Boten was auf die Nase zu geben“, antwortete Rufus mit einem leichten Lächeln. „Man muss dem Absender und dem Hexer zu verstehen geben, dass sie ihre Zeit mit derartigen Albernheiten verschwenden und obendrein Gefahr laufen, den Rest ihres Lebens Suppe zu schlürfen.“

Terrence rieb sich das Kinn.

„Und du weißt, wo man diese Leute finden könnte?“

„Schwarze, vor allem ehemalige Sklaven aus der Karibik, haben sich in Mile End, Stepney, Paddington und St. Giles niedergelassen. Aber ich habe keine Ahnung, wo sich darunter Leute aus Haiti befinden und wer von ihnen ein Hexer oder Magier ist. Ich habe wenig mit dieser Gemeinschaft zu tun.“

„Dann werde ich mich für dich umhören“, sagte Terrence ernsthaft. „Ich kenne da jemanden, der sich in diesen Kreisen besser auskennt.“

„Du denkst an diesen Cato?“, vermutete Jo.

„Ja. Sein Vater kam als ehemaliger Soldat nach London. Und ich glaube, er hat mal erwähnt, dass der Mann aus Haiti stammte. Ich werde meinen Bruder bitten, für uns Erkundigungen einzuziehen.“

Ein Ausflug

Rufus legte eine Puppe auf den Tisch. Sie glich derjenigen vom Vortag fast bis aufs Haar. Nur steckte in dieser Puppe eine Nadel, und daran befestigt war ein Zettel.

„Das ging vorhin gerade noch gut“, erklärte er seinen Freunden. „Hast du schon mit deinem Bruder gesprochen, Terry?“

„Ja, er wollte sich im Lauf des Tages melden. Sieht aber so aus, als würden wir uns auf den Weg machen müssen.“

„Was steht auf dem Zettel?“, wollte Jo wissen. „Lies doch mal vor, Maus.“

„Tu, was wir dir sagen, oder es ergeht dir schlecht! – Da, wo die Nadel steckt … das fände Onkel Joe im wirklichen Leben wohl sehr unangenehm.“

Terrence grinste schief.

„Nicht nur Mr. Black, jeder männliche Bewohner dieser Erde. Hört sich an wie Erpressung. Und was wollen diese Leute?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Schön, ich hole meine Jacke. – Sagt euren Eltern Bescheid, dass wir einen Ausflug machen, und fragt, wann es Essen gibt, damit wir uns zeitlich einrichten können.“

„Aye, Sir – zu Befehl, Sir.“

„Verzeihung?“

„Seit wann hast du das Kommando?“

Terrence verdrehte die Augen.

„Schlecht geschlafen?“

„Lausig“, gähnte Jo. „Abmarsch. Wir treffen uns in der Schankstube.“

„Auf dem Hof“, korrigierte Terrence. „Wir müssen nach Osten.“

„Von mir aus.“

„Wo gehen wir hin?“, fragte Jo, als sie durch die Pforte im Tor auf die Bell Lane schlüpften.

„Nach Osten. Erst mal meinen Bruder besuchen und dann Cato. Hatte dein Vater Einwände?“

„Nein, von Cato habe ich ihm nichts gesagt, nur dass wir deinen Bruder besuchen werden.“

„Das hatte ich dir aber noch gar nicht gesagt. – Hm, du schwindelst deinen Vater an? Das nimmt kein gutes Ende. Hatte er keine Einwände, weil Mara nicht dabei ist?“

„Offenbar glaubt er nicht, dass Paddy uns etwas antut.“

„Dein Vater ist ein Optimist. Du hast Paddy letztens fast die Hand gebrochen.“

„Er hat beim Würfeln betrogen.“

„Kein Grund, ihm die Hand zu brechen.“

Terrence bog nach links ab, in den Durchgang, an dem Jo vor Wochen Paddy das erste Mal gesehen hatte, als er versuchte, Rufus auszurauben, und sie dazwischengegangen war.

„Übrigens bewundernswert, dass du das gemerkt hast. Die meisten merken nicht, wenn Paddy sie beim Würfeln ausnimmt.“

Jo hob die Schultern und lächelte dann etwas gemein.

„Die meisten haben nicht meinen Dad. Oder meine Onkel.“

Terrence stutzte einen Augenblick.

„Dein Vater weiß also, wie man beim Würfeln schummelt? Und deine Onkel auch? In was für eine Gesellschaft bin ich denn da geraten?“

„Es gibt wenig, was man auf dem Unterdeck eines Kriegsschiffes nicht lernen kann“, belehrte ihn Jo.

„Scheint so.“

Er führte die DaRoKi den Durchgang hinauf bis zur nächsten Querstraße, bog nach Süden ab, und sie folgten der schmalen Parallelstraße der Darlington Road, bis sie sich teilte und Terrence den östlichen Arm nahm, um nach einigen Schritten in eine Gasse einzubiegen. Jo folgte ihm auf dem Fuß, musterte ihre Umgebung, merkte sich jede Wendung und jedes Ladenschild, das sie passierten. Es war Sonntagvormittag, und wer nicht in der Kirche war, schlief seinen Rausch vom Vorabend aus, London war ganz still und wirkte teilweise wie ausgestorben. Nur der Rauch aus den Kaminen, der eine dichte Dunstglocke bildete, zeigte, dass Menschen in der Stadt waren. Schließlich erreichten sie einen schmalen Durchgang. Terrence trat mit Wucht gegen ein leeres Fass am Zugang und es dröhnte dumpf, hallte von den Wänden wider. Ein Stück weiter strichen seine Finger über ein altes Windspiel, das dort jemand aufgehängt und vergessen hatte. Der helle Klang des Metalls war weithin zu hören. Jo runzelte die Stirn, als von irgendwoher ein Schnippen kam und Terrence einen leisen, tremolierenden Pfiff ausstieß. Rechts an der Wand standen einige Kisten, so aufgestapelt, dass sie bis unter ein Fenster im ersten Stock eines der Häuser reichten. Terrence stieg die Kisten hinauf, was recht bequem ging. Auf halber Höhe wandte er sich um.

„Alle noch da?“

„Ja, aber hätte ich gewusst, dass wir klettern, hätte ich mir Hosen angezogen.“

„Und bei Ma Baker wieder einen Anfall ausgelöst“, grinste Terrence. Er hämmerte mit der Faust gegen den Fensterladen.

„Géanna Fiáine.“

Der Fensterladen klappte nach innen auf und er stieg über die Fensterbank. Jo zögerte einen Augenblick.

„Komm, es ist sicher.“

„Wo sind wir?“

„Im Gänsenest.“

Vor ihnen tat sich ein Gang auf, rechts und links waren Holzwände, die vom Boden bis zur Decke reichten. Der Platz in dem Gang war gerade ausreichend für eine Person. Am Ende des Gangs hing an einer grob verputzten Wand eine Laterne.

Jo folgte Terrence den Gang hinab, vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, dass ihre Freunde noch da waren, und sah gerade noch, wie der hölzerne Fensterladen von der Decke klappte und das Fenster verschlossen wurde.

Im Stockwerk über uns muss eine Art Pförtner sitzen. Und der Lärm, den Terrence vorhin gemacht hat, war Absicht, ein Erkennungszeichen, dass sich Freunde nähern. Und dann hat er sich mit dem Pfiff identifiziert.

Der Gang mündete auf einer kleinen Plattform, eine steile Treppe führte ins Erdgeschoss. Warme Luft kam ihnen entgegen, als sie hinabstiegen. Der Raum wurde nur durch zwei Feuer und Laternen erhellt, er war groß, etwas zugig. Am Feuer hockten zwei Jungen und drehten Bratspieße, auf denen sich etwa ein Dutzend magere Hühner befanden, auf dem Feuer daneben stand ein Kessel, aus dem es dampfte. Jo sah sich um. Außer den beiden kleinen Jungen war niemand zu sehen. Es roch nach Bohnen, Zwiebeln, Kohl und altem Fisch. Und darunter lag noch ein anderer, schärferer Geruch. An der Vorderseite des Raumes konnte sie ungewiss mehrere große Eisenbottiche erkennen, die auf gemauerten Feuerstellen standen.

„Was ist das hier? Eine Wäscherei?“

„So ähnlich“, sagte Paddy aus der Dunkelheit. „Das war mal eine Seifensiederei. – Herzlich willkommen im Gänsenest. Willst du mir Revanche geben?“

„Wenn ich die Würfel mitbringen darf“, gab Jo zur Antwort.

„Hm“, machte Paddy. „Mal sehen. – Was kann ich für euch tun?“

„Hast du schon mit Cato gesprochen?“

„Ja, ich wollte nachher zu dir. Du ersparst mir einen Weg.“

„Immer gerne. Was hat Cato gesagt?“

„Dem Sinn nach oder wörtlich?“, fragte Paddy.

„Wie es dir passt, Paddy-Boy.“

„Richte dem räudigen Rotfuchs aus, dass er seinen verdammten knochigen Arsch gefälligst persönlich herschaffen soll. Vielleicht erfährt er dann, was er wissen will.“

Paddy grinste seinen Bruder breit an. Terrence schüttelte den Kopf.

„Der Kerl hat eine wirklich gewählte Ausdrucksweise. Also werden wir uns ins Cockpit begeben.“

„Wenn du das willst. Braucht ihr Begleitschutz?“

Terrence sah sich um.

„Die Gänse scheinen alle ausgeflogen zu sein. Kelly und Rooster sind zu wenig und zu klein. Außerdem glaube ich nicht, dass Cato irgendwas Dummes versucht.“

„Es ist Sonntag, falls es dir noch nicht aufgefallen ist. Die Jungs schlafen oder sind in der Kirche. Jeder, wie er mag, daran hat sich in den Monaten, seit du weg bist, nichts geändert.“

„Hm“, machte Terrence. „Wie laufen die, äh, Geschäfte?“

„Galway hat sich gut um alles gekümmert, es geht uns gut.“

Terrence nahm seinen Bruder am Arm und zog ihn ein Stück zur Seite. Die DaRoKi standen ein wenig verloren in der ehemaligen Seifensiederei und versuchten, Einzelheiten zu erkennen, ab und zu hörte man ein Rascheln aus der Dunkelheit. Sie waren nicht allein, und im Gegensatz zu Paddys Aussage waren die Gänse wohl alle hellwach und beobachteten ihre Gäste aus sicherer Distanz.

„Erstaunlich, dass diese Wildgänse so schüchtern sind“, stellte Rufus halblaut fest. „Ich dachte, die wären mehr wie ihr Anführer. Frecher, selbstbewusster.“