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Herstellung und Verlag:

Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-8448-7438-9

Für Willie

In Erinnerung an den „echten“ Arnold, der es leider nicht geschafft hat und im Alter von nur 21 Monaten an einer Meningitis gestorben ist. Dies hätte seine Geschichte sein können…

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Im Wald

2. Quarantäne

3. Die Waldkinderkrippe

4. Der Waldkindergarten

5. Die Waldschule

6. Das Waldgymnasium

7. Die Walduniversität

8. Zurück im Wald

Hintergrund

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Einleitung

Der Lebensraum der Orang-Utans in Indonesien verschwindet in einem rasanten Tempo. Die Tiere müssen oft auf Ölpalm-Plantagen ausweichen, um die nahrhaften Früchte zu „stehlen“ und viele werden dabei von den Plantagenarbeitern getötet. Überlebende Jungtiere werden als Haustiere verkauft. Der Handel und der Besitz von Orang-Utans sind zwar illegal, vielen Einheimischen ist das aber nicht bewusst, daher wird der illegale Besitz von den Behörden oft nur als Kavaliersdelikt betrachtet. Die Tiere werden in der Regel in viel zu kleinen Käfigen gehalten oder irgendwo angekettet, mit einem sehr eingeschränkten Bewegungsradius. Das ist kein Leben für einen Hund und schon gar kein Leben für einen Menschenaffen. Die „glücklichen“ Tiere werden konfisziert und in Auswilderungsstationen gebracht.

Die Stationen platzen aus allen Nähten, täglich sind Neuzugänge zu verzeichnen. Für Orang-Utan-Babys ist der Verlust der Mutter ein Super-GAU. Sie bleiben normalerweise ca. 7 Jahre bei der Mutter und lernen alles von ihr. Daher durchlaufen die Tiere in den Stationen je nach Alter und Charakter verschiedene Stufen einer Schullaufbahn, wo Menschen ihnen alles beibringen müssen, was sie sonst von ihrer Mutter gelernt hätten. Mit ca. 10 Jahren werden die Tiere geschlechtsreif und werden in Freiheit ca. 40 Jahre alt. Die Weibchen paaren sich nur alle 8 bis 9 Jahre und ziehen in ihrem Leben durchschnittlich 3 - 4 Junge groß.

Es ist schon skurril, dass ein Affe ausgerechnet von einem Menschen klettern lernen soll.

Orang-Utans sind neugierig und manchmal quengelig wie kleine Kinder. Tricks aus der Kinderheilkunde sind schwer gefragt, wenn es darum geht, den Orang-Utans Medizin zu verabreichen. Auch Gefahren müssen erkannt werden, so behelfen sich die Mitarbeiter beispielsweise mit Gummischlangen, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Es ist also viel Geduld und Fantasie nötig, um die kleinen auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten, denn das ist ja langfristig das Ziel.

In diesem Buch erzählt der kleine Orang-Utan Arnold seine Geschichte.

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Im Wald

Hallo, mein Name ist Arnold und ich bin ein Pongo Pygmaeus. Ich wurde auf der Insel Borneo, der drittgrößten Insel der Welt, geboren. Diese Wörter habe ich bei den Menschen aufgeschnappt, denn ich bin in einer Auswilderungsstation aufgewachsen, habe aber keine Vorstellung davon, was zum Beispiel eine Welt ist. Und normalerweise haben wir auch keine Namen, es sei denn die Menschen geben uns einen. In der Sprache der Einheimischen bezeichnet man mich als Orang-Utan, orang bedeutet Person und hutan bedeutet Wald. Ich bin also eine Person des Waldes. Damit kann ich mich identifizieren, denn den Wald kenne ich.

An meine Mutter kann ich mich noch schwach erinnern, mit ihr verbinde ich Wärme und Geborgenheit. Sie hat mich nie allein gelassen, immer habe ich mich an ihr zotteliges, rotbraunes Fell geklammert, indem ich meine Finger und Zehen in ihre langen Haare wickelte. Wir wohnten hoch oben in den Bäumen, in denen wir große Schlafnester aus Blättern und kleinen Zweigen bauten. Gleichzeitig waren die Bäume unsere Speisekammer, denn an ihnen wuchsen die leckersten Früchte.Da ich erst 6 Monate alt war und noch nicht alle Zähne hatte, konnte ich die Früchte noch nicht selber zerbeißen, daher fütterte meine Mutter mich mit vorgekautem Brei. Am liebsten war mir aber die warme Milch, die mich schläfrig werden ließ, wenn ich mit geschlossenen Augen, eng an meine Mutter gekuschelt, an ihrer Brust saugte.

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Eines Tages hörten wir einen unbekannten Lärm aus der Ferne, der täglich näher zu kommen schien. Irgendwann sahen wir ein großes gelbes Monstrum, einen Bulldozer, der alle Bäume umwarf, die ihm im Weg standen. Meine Mutter war entsetzt, sie gab pfeifende Töne von sich und schüttelte ununterbrochen die Zweige. Der Bulldozer ließ sich davon aber nicht beeindrucken und so schwang sich meine Mutter mit mir von Baum zu Baum, immer tiefer in den Wald hinein, doch der Bulldozer holte uns täglich wieder ein. Irgendwann erlangten wir die Waldgrenze und wir konnten nicht weiter fliehen, da es keine Bäume mehr gab, auf die wir uns schwingen konnten. Wir versuchten es in eine andere Richtung, doch auch hier hörte der Wald, wie wir ihn kannten, plötzlich auf. So weit das Auge reichte, sahen wir statt der über 1700 verschiedenen Baumarten nur noch eine einzige Baumart: Ölpalmen. Alle im gleichen Abstand zueinander. Diese Art von Wald bot keinen Schutz für uns, wir konnten nicht von Baum zu Baum schwingen und es gab keine abwechslungsreiche Nahrung.

Da in unserem Urwald die Fruchtbäume recht weit auseinander standen und meine Mutter hungrig war, traute sie sich auf den Boden, um von einer nahe gelegenen Ölpalme die schmackhaften Früchte zu holen. Dabei wurden wir von den Menschen entdeckt. Meine Mutter floh zurück in den Urwald und kletterte ganz hoch hinauf in die Bäume.

Ich sah zum ersten Mal im Leben Menschen, sie kamen schreiend und mit seltsamen Stöcken in den Händen auf unseren Baum zugelaufen, ich hatte große Angst!

Plötzlich gab es ein peitschendes Geräusch, meine Mutter schrie, ihr Körper wurde schlaff und stürzte in die Tiefe. Ich klammerte mich ganz fest an sie, doch wir fielen und fielen unkontrolliert auf den Waldboden zu. Der Aufprall war fürchterlich, ich drückte mich verzweifelt an meine Mutter, die unter mir lag, doch sie reagierte nicht. Sie lag ganz still da, kein Laut, keine schützende Umarmung, kein beruhigender Herzschlag.